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Die Leiden des alten G.

Die Leiden des alten G.
Vorbei die Zeit des Schreibers John,
der mir so oft die Feder führte,
an letzter Pforte steh‘ ich schon,
bedenkend, was mich einst berührte.
Da war die Lust, der Drang zu wissen,
der Schmerz manch unerfüllter Liebe;
die Menschlichkeit als Ruhekissen:
wenn Mensch nur immer treu sich bliebe.
So lasst mich schauen noch einmal,
ob sich gelohnt hat dieses Leben,
mit mancher Freude, mancher Qual,
mit dunklen Ängsten, hellem Streben:
ein allerletzter Blick zurück,
bevor die Seele frei nun werde;
zu manchem Worte das Geschick
will lassen ich auf dieser Erde.

Ward wohl geboren zu der Zeit
wie Meister Bachs Die Kunst der Fuge,
in ein Jahrhundert, schon bereit,
neu zu beginnen, Zug um Zuge.
Mit Mutter Kathrins Frohnatur
und ihrer Lust zu fabulieren,
mit Vater Johanns stillem Schwur,
das Leben wohl und ernst zu führen.
Doch dann kam dieses Puppenspiel
von Doktor Faust in uns’re Stadt,
das mir auf eine Art gefiel,
die selten etwas Gutes hat.
Und fasziniert vom Wert der Seele,
der unbekannten Dimension –
auf dass Mephisto sie mir stehle:
Zu tief in mir, diese Vision.

Zu leicht entflammbar mein Gefühl,
von Kätchen und manch schönem Worte;
gar manches innere Gewühl
der niederen und üblen Sorte.
Ob Friedrich oder ob Susanne,
ob Liebe oder Fleisches Lust –
belegt war ich von diesem Banne,
und hab‘ es lange nicht gewusst.
Doch beinah‘ wollte es mir scheinen,
dass Doktor Faust ich selber wär‘:
zu selten etwas zu verneinen,
das Leben leicht, die Seele schwer –
nahm Einfluss ich auf die Geschichte,
die unruhig war zu jener Zeit:
durch manche Werke und Gedichte,
und war zu viel mehr noch bereit.

Ideen zu Götz von Berlichingen,
des jungen Werthers stilles Leid –
fast Alles wollte mir gelingen,
nichts war zu nah oder zu weit.
Dazu die Schritte der Geschichte:
Dampfmaschine, Cook, Voltaire;
Fortschritte in einer Dichte,
die großartig zu nennen wär‘.
Das erste Walzwerk: England staunt,
Amerika mit Menschenrechten,
Kaiser Napoleon, gut gelaunt,
gibt Robespierre den Folterknechten –
So lach ich still in mich hinein,
wenn ich an diese Zeiten denke;
genieße meinen letzten Wein,
auf den ich nunmehr mich beschränke.

Die Zeit mit Schiller, diese Nähe,
der Freundschaft allzu süßer Duft;
wenn ich die Xenien heut‘ besehe,
weiß Friedrich tief in seiner Gruft –
möcht‘ ich so manche Träne weinen,
aus Trauer und aus tiefem Schmerz:
will mir als Vater Fausts so scheinen,
ich selbst hab‘ schon ein ehern Herz.
Hab‘ ich verkauft schon meine Seele,
nur um Mephisto selbst zu seh’n?
Ist das der Grund, dass ich mich quäle,
zuletzt mich selbst zu übersteh’n?
Und trotzdem: Faust bis hin zum Ende,
geteilt mit ihm mein Totenbett!
Voll Grauen spür‘ ich seine Hände:
Mephisto bittet zum Duett!

Sie sind schon fort, all meine Lieben:
Christiane, August, Frau von Stein;
ich frage: was ist mir geblieben,
außer der Frage um das Sein?
In Bergschluchten bin ich gefangen,
über den Gipfeln ist jetzt Ruh‘ –
Der Erlkönig naht mit Verlangen,
sagt mir die letzte Weisheit zu.
Mephisto neben mir will hören
Worte von dem hohen Glück;
Fängt an, mich flüsternd zu beschwören:
Bekenne dich zum Augenblick!
Doch schweigend lächele ich stille,
derweil die Seele in mir bebt –
Und hört, hier ist mein letzter Wille:
Der Faust für Euch – ich hab‘ gelebt!