[ welcome@dreamworker's ]

2


Pocatello, Idaho / USA:
“Jonathan Brady, stimmt das, was ich gehört habe?”
Kathleen Arkin war in die Scheune gestürmt, blieb vor Jonathan stehen, stemmte ihre Hände in die Hüften und sah ihn herausfordernd an. Sie sah bezaubernd aus in ihrem roten Sommerkleid und mit ihren blonden Zöpfen; aber ihre blauen Augen funkelten zornig.
“Was hast du gehört, Kate?”, fragte Jonathan schwach und stützte sich auf die Heugabel. Er ahnte, was nun kommen würde.
“Du willst Krieg spielen, Mister? Bist du denn vollkommen dumm geworden? Gibt es nicht schon genug Kriege auf der Welt? Gibt es hier nicht genug zu tun, Jonathan Brady?”
“Aber Kate...”
“Halt den Mund, Jonathan! Du weißt, dass du hier gebraucht wirst, deine Mutter braucht dich hier, und sie soll mir nichts anderes erzählen, und du auch nicht. Und ich brauche dich auch, Mister Brady, denn zufällig liebe ich dich, und ich lasse nicht zu...”
“Kate, verdammt, du weißt ja gar nicht...”
“Ich brauche auch nichts zu wissen! Wenn du unbedingt den Helden spielen musst, dann geh, aber wenn du dich erschießen lässt, komme ich rüber und bringe dich um!”
Kathleen drehte sich auf dem Absatz um und ging hinaus: erhobenen Hauptes, stolz und lieblich wie eh und je. Jonathan seufzte, blickte ihr stumm und betroffen nach. Nein, es hatte jetzt keinen Sinn, ihr etwas erklären zu wollen. Dabei hatte er sich alles für diesen Augenblick so gut zurechtgelegt: Ein Mann muss tun, was er tun muss, Liebes! Hatte er irgendwo in einem Western gesehen, diese Szene, und dieser Spruch hatte ihn zutiefst beeindruckt. Er hatte sich ausgemalt, wie stark es wäre, ihn bei Kate anzubringen. Aber sie ließ ihn ja nicht einmal zu Wort kommen. Gut, sie war ja immer temperamentvoll gewesen – aber so hatte er sie doch noch nie erlebt! Sie ließ ihn ja noch nicht einmal erklären.
Weiber! Verstehe sie wer will! Dabei liebe ich sie doch, diese wilde Kathleen Arkin!
Jonathan wischte sich den Schweiß von der Stirn, schleuderte die Heugabel beiseite und ließ sich erschöpft ins frische Heu sinken.
Ist schon verdammt schwer, ein Held zu sein!

Das trübe Wetter ließ den kleinen Bahnhof von Pocatello nicht gerade freundlicher erscheinen.
“Pass auf dich auf, Jonathan Brady, hörst du?”
“Aber klar, Kate...”
“Und komme mir gesund wieder, du wirst alle Kraft für die Verlobung brauchen.”
“Liebling, ich verspreche dir...”
“Halt den Mund, Mister Brady – ich liebe dich...”
“Ich dich auch, Kathy...”

*

GO! LIVE!
Ja, Daddy, ich gehe, ich lebe ... Kate, hörst du, ich lebe ...
Brady schüttelte verwirrt den Kopf. Verdammte Scheiße, was tue ich hier? Was tue ich denn überhaupt hier?

Plötzlich stimmte etwas nicht mehr! Der junge Amerikaner spürte instinktiv, dass sich etwas verändert hatte,  konnte aber nicht sagen, was es war. Er spürte die Gefahr, die in der Luft lag, beinahe körperlich, packte das Gewehr fester, nickte dem Alten zu und bewegte sich langsam, Schritt für Schritt, rückwärts.
Bradys Augen suchten die Umgebung ab, prüften die Ebene, die Felsen, die Schatten – nichts. Aber ein ganz leises, fremdartiges Geräusch, das in der Luft lag, ließ ihn frösteln, sich umdrehen und fast panikartig davon stürzen: Denn dieses Geräusch klang nach Hunderten von Stiefeln, die man vorsichtig auf den Wüstensand setzte.
Eine Gewehrsalve zerriss die beinahe vollkommene Stille der Nacht, und Brady spürte einen heftigen Schlag im rechten Bein, stürzte schwer, und dann brach das Geschrei aus Dutzenden Araberkehlen über ihn herein.


Billy konnte mal wieder nicht schlafen, hatte sein Gewehr genommen und war ganz leise, um die anderen nicht zu wecken, auf eine kleine Anhöhe gestiegen und hatte sich im Schatten eines kleinen Felsens niedergelassen. Der abnehmende Halbmond und die Sterne tauchten das Gelände in ein fahles Licht.
Der Captain hatte erzählt, dass die UN heute einen Appell zur Feuereinstellung verabschiedet und Sadat sowie Assad eingewilligt hatten; wahrscheinlich hatten die beiden Staatschefs Angst, dass Israel bis Kairo und Damaskus durchmarschieren würde, denn die militärischen Erfolge dieses kleinen Staates waren in den letzten Tagen enorm gewesen.
Höchstens noch eine Woche, dachte der junge Deutsche, und der Krieg ist vorbei; ich habe nicht mehr viel Zeit.
Er dachte an seine unheilbare Krankheit, dachte daran, wie sehr er sich hier bemüht hatte, seinem unausweichlichen Tod einen Sinn zu geben – aber die Kugel, die sein junges Leben beenden sollte, war noch nicht abgefeuert worden.
Er würde also wieder unterschreiben, vielleicht gab es ja eine Chance, irgendwann auf Patrouille erwischt zu werden, wenn der Krieg längst vorbei war.
Gestorben als Deutscher für die Freiheit des jüdischen Volkes! Die Vorstellung gefiel ihm, auch wenn er der Meinung war, dass er an keiner historischen Schuld zu tragen hatte. Trotzdem wollte das Gefühl einer Schuld diesem jungen Staat gegenüber nicht weichen. Jedenfalls nicht vollständig.
Lag es auch an seiner eigenen Schwäche? Würde er nicht für jeden bedenkenlos einstehen, der schwach, gefährdet war? Würde er das Gleiche nicht auch für die Palästinenser, die Ägypter, die Syrer oder Libanesen tun, wenn sie an Israels Stelle wären? Hat nicht jedes Volk das Recht auf Existenz, beschlossen und besiegelt von der Evolution, von dem, was einen Menschen ausmacht und letztlich auch von Gott, wer immer er sein mag?

Klar, Alter, würdest du das - wenn du schon mit dem eigenen Leben nicht mehr klar kommst, sieh zu, was du für andere tun kannst!
Scheiß Bewusstsein!
Scheiß Politik!
Scheiß Leben!

Seine Aufmerksamkeit ließ von seinem geliebten Sternenhimmel ab und richtete sich jetzt auf Brady, der auf der Nordseite Wache schob. Brady war ein junger Amerikaner aus Idaho, ein netter, lustiger Kerl vom Lande, grundehrlich und stets bemüht, sein Bestes zu geben – was jedoch nicht immer so gelang, denn manchmal schien er ein wenig unbeholfen.
Aber für mich lohnt es sich eh nicht mehr, eine neue Freundschaft anzufangen, dachte Billy trübsinnig und schüttelte leicht den Kopf.
Er fingerte ein Stück Kautabak aus der Brusttasche hervor und biss ab. Verdammtes Rauchverbot! Aber jetzt erregte Brady seine volle Aufmerksamkeit, der offensichtlich etwas entdeckt hatte und unendlich vorsichtig seine Deckung verließ.