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Der Zwischenfall

Der Zwischenfall

"Ich werde dich überleben, Gevatter!",
lachte der Narr.
Und der Tod nickte nur.



Jonathan Brady hasste die kalten Nächte am Sinai. Tagsüber brüllend heiß, wenn auch nicht gerade jetzt im Oktober, und nachts diese fast klirrende Kälte - davon hatte man ihm nichts gesagt.
Er war ja bereit gewesen, nach der Militärzeit noch einen draufzulegen, sich als Söldner der Organisation anzuschließen und eine Zeit für die Freiheit des israelischen Volkes zu kämpfen. Dieses war ausgerechnet am jüdischen Versöhnungstag, dem Jom-Kippur, von Ägypten und Syrien überfallen worden. Es war für Brady selbstverständlich und eine Ehre – wenn auch eine etwas zweifelhafte - diesem kleinen, jungen jüdischen Volk inmitten der mächtigen Araber zur Seite zu stehen. Das einzige, was mitzubringen war: Waffenkenntnisse und Idealismus! Für Brady die Gelegenheit überhaupt, der Langeweile der elterlichen Farm in Idaho zu entkommen, dem jugendlichen Idealismus zu genügen und wenigstens etwas von der Welt zu sehen.
An einem Montag, drei Tage nach dem Angriff, hatte er sich gemeldet, an einem Mittwoch traf er in Tel Aviv ein. Das war vor zwölf Tagen. Jetzt war wieder Montag, und dazwischen lagen schwerste Abwehrgefechte und die blitzschnelle Offensive Richtung Westen. Fast Trauma artig die Erinnerungen wie an einen Schießstand: auf die schwarzen Schatten zielen, die am Horizont auftauchten, abdrücken, zielen, abdrücken, fast schon routinemäßig, klar und rein und einfach und unschuldig, der Blick auf die Toten blieb einem erspart – keine Zeit, sich darum zu kümmern. Weiter, weiter, immer weiter, marschieren, eingraben, sichern ... die israelischen Soldaten schöpften aus einem Füllhorn an Erfahrungen, die nach drei Kriegen auch ein Gefühl von Sicherheit vermittelten.
Brady hatte Nachtwache an der Nordseite, überblickte einen kleinen Bereich der Wüste, der im fahlen Sternenlicht unter ihm lag. Östlich davon einige große Felsen, die ihm nicht geheuer waren, denn sie eigneten sich als Versteck für feindliche Späher. Westlich musste der Suez sein, und ein paar Jungs war es gelungen, dort irgendwo am Westufer einen Brückenkopf zu errichten. Dafür hatten sich Einheiten der ägyptischen Armee hier teilweise am Ostufer festgesetzt – ein Scheißspiel!

Der junge Deutsche würde jetzt bestimmt einfach hinuntergehen und die Felsen inspizieren. Ein sonderbarer Kerl, äußerst schweigsam und ernst, umgeben von einer Aura Todessehnsucht. Ein Einzelgänger, bei jedem Einsatz in vorderster Front dabei. "Billy" wurde er von allen genannt, weil er mit den Waffen umgehen konnte wie kein Zweiter, und selbst im dichtesten Kugelregen blieb er aufrecht stehen und feuerte, was das Zeug hielt. Man munkelte, er warte nur drauf, endlich erschossen zu werden; dabei war er noch der Jüngste im Haufen, knapp 20 Jahre alt und auffallend blasshäutig. Eben Billy …...

Brady meinte, eine Bewegung am Fuß des östlichen Felsens wahrgenommen zu haben. Er musste jetzt nachsehen, und Angstschweiß trat ihm aus den Poren. Himmel, wie schön und friedlich war es doch immer auf der Farm gewesen! Aber hier musste er reagieren, er war jetzt für die Sicherheit seiner Kameraden verantwortlich. Es wurde erwartet, dass er dieser Verantwortung gerecht wurde: Man verließ sich auf ihn.
Er nahm das Gewehr in die Armbeugen und rutschte auf Ellenbogen und Knien leise die Geröllhalde hinunter, jedes Mal auf den Sandinseln entlang. Zwischendurch hielt er immer wieder inne und lauschte auf bestimmte, fremde Geräusche; und erst, wenn er sicher war, nichts Ungewöhnliches gehört zu haben, robbte er leise weiter, arbeitete sich beharrlich vorwärts Richtung östlicher Felsen und nutzte dabei jeden Steinblock und jeden Schatten als Deckung.

Seine Augen hatten sich längst gut an die Dunkelheit gewöhnt, als er nach einer halben Stunde vor dem Felsen lag und keine Deckung mehr hatte. Brady richtete sich langsam auf, das Gewehr im Anschlag, als plötzlich eine Gestalt aus dem Schatten des Felsens trat: ein Araber, ebenfalls das Gewehr im Anschlag, stand halb geduckt da und rührte sich nicht.
Trotz der Kälte lief der Angstschweiß Brady über die Augen und ließ ihn blinzeln. Ein Gefühl von Panik kam auf, der Finger am Abzug zitterte, und die Knie wurden weich.
Er oder ich! dachte Brady, ich muss nur schneller sein, muss zuerst schießen, bevor er mich erwischt ... Schießstand ist besser ...
Brady legte hastig den Kolben an die Schulter und visierte über den Lauf das Ziel an - doch das rührte sich gar nicht, obwohl es Bradys Bewegung mitbekommen haben musste. Erst jetzt sah der junge Amerikaner, dass der Gewehrlauf des Feindes auf den sandigen Boden zeigte - und dann passierte etwas Seltsames: Der Araber ließ ein leises Ächzen hören, fiel auf die Knie, sackte langsam auf die Seite und blieb schließlich auf dem Rücken liegen.
Brady war verwirrt, setzte das Gewehr ab, hielt es aber weiter auf den am Boden liegenden Mann gerichtet, der da etwa zehn Meter vor ihm im Wüstensand lag.
Zögernd ging Brady auf den gegnerischen Soldaten zu, der stöhnend und unbeholfen in seinen Brusttaschen fingerte und offensichtlich etwas dort herausholen wollte. Es gelang ihm nicht, seine Bewegungen waren ebenso unkontrolliert wie schwach.
Brady stand nun neben dem stöhnenden und röchelnden Araber, einem älteren Mann in zerlumpter, zerschlissener Uniform, und plötzlich wusste Brady, was los war: Der Mann hatte einen Herzanfall, suchte nach seinen Nitrokapseln!
Vater! dachte Brady, und schlagartig tauchten sie wieder auf, die Bilder der kleinen Farm in der Nähe von Pocatello; bei Dad war das immer genauso, wie oft musste ich ihm dabei helfen, und eines Tages war es vorbei, als niemand mehr in der Nähe war. Vater war elendiglich erstickt, die Kapseln lagen noch um ihn herum. Ja, er hatte die kleine Dose noch aufgekriegt, aber in der Hektik, der Panik, alles verschüttet.
Brady schulterte sein Gewehr und kniete neben dem Araber nieder, der inzwischen eine kleine Blechdose aus der Brusttasche genestelt hatte, ohne sich weiter um Jonathan zu kümmern. Mit fahrigen Bewegungen gelang es ihm, sie zu öffnen, aber ein krampfartiger Anfall ließ ihn die Dose weit von sich schleudern. Brady zögerte kurz, dann sprang er zu der Stelle, an der die Dose nun lag, und fingerte schnell einige Kapseln aus dem Sand.
Der Araber stöhnte und ächzte schwer, schnaufte. Brady beeilte sich zurück, kniete nieder und stopfte dem alten Mann ein paar Kapseln in den Mund, öffnete seine Wasserflasche und schüttete dem alten Araber das Wasser zwischen die Lippen. Der Mann begann, gierig zu trinken - er hatte die Kapseln geschluckt.
Ein dunkles, zerfurchtes Gesicht blickte Brady zuerst erstaunt, und dann begreifend an. GO! schnaufte es, LEAVE! QUICK! Brady verstand immer noch nicht und schüttelte den Kopf. MANY, MANY keuchte der alte Mann, und erst jetzt begriff Brady, was gemeint war: Da hinten waren noch mehr, viel mehr Araber. Sie würden gleich hier sein!
YOU GOOD! radebrechte der Alte im gebrochenem Englisch, THANK YOU! LEAVE, OR YOU DEAD!

Tot!

Jonathan Brady verstand zuerst nicht. Warum tot? Er doch nicht! Der Alte doch nicht! Im Krieg stirbt man doch nicht, man tötet nur, die anderen sterben, anonym, sauber, steril, zielen, abrücken, Peng, tot – oder? Und in Pocatello sterben Väter, und in den Nachrichten die Welt ...