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Die Begegnung

die begegnung

Ich weiß nicht, warum, aber ich habe sie immer gehasst. Vielleicht hat es mit diesem letzten Rest von Eitelkeit zu tun, die mir verbietet, mir selber zuviel zuzumuten, wenn ich in so einen Spiegel schaue - jedenfalls nach dem dreißigsten Geburtstag: Verdrängung pur, Komplexe on the rocks.

Doch diese Tage war es dann passiert, einen Tag nach Neujahr. Ins Neue Jahr gefeiert, zuviel gefeiert, zuviel getrunken, zuviel gute Vorsätze, zuviel Versprechungen, zuviel Druck auf der Blase.
Ich habe nie verstanden, warum über dem Waschbecken in der Toilette ein Spiegel hängt; die zwei im Bad und die beiden in der Diele waren mir schon zuviel, mehr als genug - und ausgerechnet hier auf dem Klo blieb mein müder Blick auf dem Gesicht hängen, das mich da aus dem Spiegel anstarrte.
Aufkommender Trotz und eine Spur Neugierde ließen mich dem frechen Blick standhalten: Ein in die Breite gegangenes Gesicht, lichter werdendes Haar, an den Schläfen schon silbrig glänzend, passend zu den Geheimratsecken; verkniffene Lippen, die vorwitzig aus dem Wust von struppigen Vollbart hervorlugten; die dicke Nase; die graublauen Augen, von denen es das rechte immer ein bisschen nach Außen trieb und die sich jetzt auf meine Augen fixiert hatten …

Nein! Unmöglich! Da muss ein Filmriss sein!

Wo war der Typ, mit dem ich noch vor fünfzehn Jahren einigermaßen zufrieden war? Wo war dieses schmale, glatte Gesicht geblieben, die dichten, braunen Haare, die glänzenden Augen, die immer braungebrannte Haut, die vollen Lippen?
Ich stützte mich schwer auf dem Waschbecken auf, beugte mich nach vorne, näher zum Spiegel hin: Heiliger, wer war das?
Mein Gegenüber zog verwundert die Augenbrauen in die Höhe, hatte sich ebenfalls nach vorne gebeugt. Bestimmt war er genauso erstaunt wie ich, schien etwas in meinem Gesicht zu suchen wie ich in seinem. Ja, ich suchte diese Narbe auf der Stirn, die nur ich hatte, einzig ich alleine - und mir wurde ziemlich elend, als ich sie in dem alten Gesicht entdeckte, genau da, wo ich sie auch habe.

Die beiden Gesichter entfernten sich wieder voneinander. Er schien genauso überrascht und verwundert zu sein, wie ich selber, schien sich dieselbe Frage zu stellen: wer ist das?

Ein unendlich langer Blick ...

Ein unendlich langes Beschauen jeden Haares, jeder einzelnen Pore, ein unendlich langes Beschauen jeder Falte, die sich in diesem alten Acker eingegraben hatte; ein unendlich langes Beschauen einer geheimnisvollen Symmetrie – Beschaulichkeit ...

Nein, es gab kein Entrinnen! Die plötzlich aufkommende Erkenntnis ließ mich frösteln: jedes verlorene Jahr hatte seine Visitenkarte in dem Ding hinterlassen, das mich da aus dem Spiegel anstarrte.

Verlorene Jahre?

Was geschah nach dem letzten Tag, an dem ich die Spiegel noch nicht hasste? Was war es gewesen, das mir die Zeit für mich nahm? Der Beruf, der mich mehr und mehr forderte und mir Verantwortung aufzwang, die ich nicht wollte? Die Heirat, die Familie, die Kinder, die mir mehr Verantwortun ..? Das Leben, das ich mir nicht ausgesucht hatte und das mir mehr abverlangte als es zu geben bereit war? Die Fragen, die ohne Vorwarnung auftauchten und von mir eine Antwort verlangten, einfach so?

Wo waren die Jahre bloß geblieben?

Die alte Unruhe, die mich immer wieder angetrieben hatte und die mir die verrücktesten Situationen bescherte? Die alte Neugierde, die mich immer wieder neue Türen aufstoßen ließ? Die alte Zutraulichkeit, die mir immer wieder Narben einbrachte? Die alte Unschuld, die mich den süßen Geschmack des Idealismus kosten ließ? Die alten Träume, die mich ruhig schlafen ließen?

Kannst Du mir das sagen? Hey du, ja dich meine ich, dich, im Spiegel!
Schweigen. — Zu viele Fragen.

Ehrlich, ich hatte mehr von meinem Gegenüber erwartet, sah es doch so alt und erfahren aus, nicht wahr?
Er schaute mich genauso skeptisch an wie ich ihn. Na ja, wenigstens schien er genauso wenig die Antworten zu kennen wie ich auch.
Dafür schlich sich plötzlich ein Grinsen über sein Gesicht - er grinste mich tatsächlich an, Lachfältchen um die alten Augen!
Es gibt keine verlorenen Jahre, Alter, es gibt sie nicht. Schau mich an, dann weißt du, wo sie sind.

Ich schaute ihn mir noch einmal genau an, und obwohl er noch derselbe war, hatte sich etwas an ihm verändert. Was? Weiß nicht.

Ich zwinkerte ihm noch einmal zu, bevor ich ihn sich selbst überließ ...

... ist schon okay, ist schon okay so …


[ ende ]