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Seine Dame schnitt mir den Rückzug ab, und sein Springer würde mich gleich mattsetzen. Es war die dritte Partie, die ich an diesem Abend verloren hatte. Ich nahm einen langen Schluck, und dann war die Dose leer. Knapp zwanzig leere Bierdosen rahmten das Schachbrett ein. Ebby schien sich ausschließlich flüssig zu ernähren, während ich mir doch gelegentlich eine Pommes oder einen Hamburger gönnte; nein, ich habe diesen alten Kerl nie essen sehen.
“Du hast gewonnen.” Ich lehnte mich resigniert zurück.
Ebby leerte seine letzte Dose, blickte mich seltsam an.
“Hast du eine Schule besucht, Junge?”
“Hmm…”
“Abschluss?”
“Hmm…”
“Welchen?”
“Abi…”
“Und?”
“Was: und?”
“Warum studierst du nicht?”
“Dann gib’ mir das Geld dafür…”
“Und jetzt willst du dich umbringen?”
“Hmm…”
“Dein Ernst?”
“Ja, verdammt…”
Ebby fummelte in seiner Kleidung rum, fischte von irgendwoher Tabak und Blättchen hervor, und flink drehten seine klobigen Finger zwei Zigaretten. Eine reichte er mir, die andere zündete er sich selber an.
“Warum? Eine Frau?”
“Hmm…”
Er stand auf, ging ins Nebenzimmer, und ich hörte ihn in seinem Seesack wühlen. Bald darauf kam er zurück und reichte mir ein altes, vergilbtes Stück Papier.
Ich traute meinen Augen nicht: es war seine Zulassung als Arzt für Innere Medizin!
Ich gab ihm das Dokument zurück und sah ihn fragend an.
“Eine Frau, Jungchen.”
Ich musste grinsen.
“Aber du siehst, ich habe mich nicht umgebracht.”
“Bist du sicher?”
Er grinste mich an.
“Na gut, Kleiner, aber wenn du schon gehen willst, dann tue es wenigstens stilvoll.”
“Was?”
“Ich meine, man stirbt nicht alle Tage. Der Tod ist ein tiefer Einschnitt in dein Leben, und vor allen Dingen ist er einmalig. Es wäre Sünde, ihn nicht entsprechend ehren zu wollen.”
“Du bist ja verrückt!”
“Meinst du? Sich einfach umbringen, das kann jeder, du siehst ja, die Toten sterben nie aus. Aber sich ein wenig stilvoll um die Ecke zu bringen, dazu bedarf es schon ein bisschen Kultur.”
Ich sah ihn nur an.
Plötzlich hielt er einen alten Trommelrevolver in der Hand, ein fast antikes, russisches Modell mit sechs Kammern.
“Hier, damit kann es klappen. Er ist nicht geladen. Na, nimm schon…”
Er reichte mir die Waffe, und ich spürte kaltes Metall in meiner Hand.
“Na los, Kleiner, an die Schläfe damit und abgedrückt! Tut mir leid, aber er ist noch nicht geladen.”
Ich gab ihm den Revolver zurück.
“Und was soll ich dann damit?”
“Üben, Junge, üben. Morgen kommt die erste Patrone, und dann stehen deine Chancen eins zu fünf, dass du dich verabschiedest - und jeden weiteren Tag kommt eine Kugel dazu. Das ist Russisch Roulette auf Ebbys Art, Junge, so bleibt Suizid spannend, und trotzdem steigen deine Chancen von Tag zu Tag. Na, kneifst du?”
“Niemals, aber du bist verrückt, und ich bin müde.”
Mich wunderte gar nichts mehr…