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Ebbys Roulette

ebbys roulette

Sie war weg! Abgehauen mit einem Pizzabäcker! Ausgerechnet! Das geknetete und gebackene Ende einer dreijährigen Beziehung. Nicole hieß diese Beziehung:

N - I - C - O - L - E …

…mein Traum, mein gelebter, geliebter Traum, der sich plötzlich aufgelöst hatte in einer italienischen Mehlwolke - ausgerechnet!
Nicht etwa, dass sie es mir selber gesagt hätte, nein. Sie war einfach verschwunden, und erfahren hatte ich das von ein paar Leuten aus der Clique, die sich auch noch in schönster Schadenfreude ergingen: Hast sie wohl zu oft auf eine Pizza eingeladen, was?
Nun, das Schlimme war: das stimmte!
Der Weg war frei für die anderen Mädchen, die Nicoles Verschwinden genüsslich registrierten, und am Ende dieses Weges wartete mein Bett; und ich genoss diesen Umstand - Rache im Kopf, im Herzen und im edelsten Körperteil eines zwanzigjährigen Mannes.
Aber gerade dort misslang die Rache - es rührte sich absolut nichts mehr.
Ich war eingestellt auf Atomkriege, Naturkatastrophen, und meinetwegen auch auf das Ende der Welt - aber nicht darauf; und so bedeutete die Tatsache, meine Manneskraft verloren zu haben, weit mehr als den Weltuntergang für mich: die billigste jeder Rache war misslungen.
Ja, ich war ziemlich am Ende; und es wurde nicht gerade besser, als ich noch meinen Job verlor, weil ich meinem Meister wegen seiner anzüglichen Bemerkungen eins auf die Nase gegeben hatte.
Ich ertränkte meinen Kummer in der nächsten Kneipe: bald kein Geld mehr, die Wohnung würde ich nicht halten können, das Ersparte war restlos für Nicole draufgegangen - und um diese Jahreszeit einen neuen Job? Niemals! Das einzige, was mir bleiben würde, war meine neugewonnene Impotenz.

Okay…

Irgendwie fand ich in dieser eisigen Kälte den Weg nach Hause. Mitte Dezember, Weihnachten stand auch noch vor der Tür - na, wunderbar!
In dieser Nacht sah ich ihn das erste Mal. Später erfuhr ich seinen Namen: Eberhard, oder kurz Ebby.
Ich fand ihn, auf seinem alten, zerschlissenen Seesack liegend und unter seinem Fahrrad begraben, vor unserer Mülltonne.
Ich hatte genug eigene Probleme und ging erst, mehr oder weniger achtlos, an ihm vorbei und versuchte, die Haustür aufzuschließen; aber irgend etwas ließ mich wieder zurückgehen, und schließlich brachte ich, laut fluchend, das Fahrrad in den Keller, lud mir den Penner samt Seesack auf die Schultern und schaffte sie in meine Wohnung.
Du bist bekloppt, Alter, du bist völlig bekloppt - hast du nicht schon genug Scheiße am Hals?
Der Typ stank nach Erde, Gras und Schnaps - vermutlich eine Schnapsleiche, gerade dem Grab entstiegen. Aber erstaunlich leicht, und nachdem ich ihn in die Badewanne gelegt hatte - hier konnte er den wenigsten Schaden anrichten - , betrachtete ich ihn etwas genauer: nicht größer als einsfünfundsechzig, schneeweiße lange Haare, schneeweißer langer Bart auf dunkler, wettergegerbter Haut, zahnloser Mund, und das Alles eingepackt in alte, abgerissene Kleidung, die für diese Jahreszeit viel zu dünn war.
Schnarchen Tote? Nein! Na also, ich war etwas beruhigt, legte den Seesack neben die Wanne und löschte das Licht im Bad. Ich hatte genug mit mir selber zu tun und haute mich erst mal aufs Ohr.
Als ich am nächsten Tag ins Bad ging, um mich zu waschen, lag der Kerl immer noch so da, wie ich ihn hingelegt hatte. Den Umstand, dass er noch laut schnarchte und sich inzwischen in seine Sachen entleert hatte, registrierte ich mit einem neu aufgekommenen Gefühl von Teilnahmslosigkeit.
Unschlüssig stand ich vor ihm: so konnte das trotzdem nicht bleiben! Widerwillig begann ich, diese kleine Portion Mensch zu entkleiden. Und angewidert wie fasziniert zugleich blieb mein Blick auf seinem verschrumpelten Teil hängen – aber egal, wie alt und verbraucht er auch war, war er wahrscheinlich noch potenter als ich. Scheiße aber auch!
Nein, er wachte immer noch nicht auf. Genervt drehte ich das kalte Wasser auf und verließ frustriert das Haus - sollte der Typ doch alleine zurechtkommen - ich war mir selber Problem genug…

…zog im peitschenden Schneeregen durch die fast leeren Straßen, spürte den eisigen Wind, der mein Gesicht zu zerschneiden schien, watete durch Matsch in zweifelhafter Harmonie mit dieser kalten, grauen und ungemütlichen Welt, die noch nicht einmal mehr einen Himmel zu haben schien - nur eine einzige kalte und graue Masse, innen wie außen.
Irgendwann trieb mich die Kälte in die nächste Kneipe, irgendwann war ich voll, und irgendwann fand ich mich in einem fremden Bett wieder neben einer doppelt so alten Frau, irgendwann versuchte sie es mit mir, und irgendwann jagte sie mich fluchend aus Bett und Haus…

…und irgendwann schloss ich müde und halb erfroren meine Haustür auf, und Duft von frischem Kaffee wehte mir entgegen.
Ich fand Ebby in der Küche beim Saubermachen. Er war in ein paar alte Klamotten von mir geschlüpft und wirkte auf mich wie ein Gnom aus irgendeinem kitschigen Märchen, der aus irgendeinem Grund noch mehr geschrumpft war.
“Kaffee?”
Wollte er mich umbringen? Wortlos drehte ich mich um und schmiss mich auf die Couch. Das musste ich erst verdauen: ein weißhaariges, zahnloses Rumpelstilzchen hatte ich hier zum Leben erweckt - Heilige Scheiße, was würde noch alles passieren?
“Selbstmitleid?” klang es spöttisch von der Tür her - hey, war das wahr? Ich antwortete nicht; sollte er doch denken, was er wollte - was störte mich das noch? Ich war eh’ am Ende meines Weges angekommen, und über diesen Gedanken schlief ich ein…