[ welcome@dreamworker's ]

Bald hatte uns der Alltag wieder, und alles ging seinen gewohnten Trott.

Wirklich?

Nein!

Da war zunächst einmal Meuser. Mit seinen einszweiundsiebzig hätte er eigentlich gar nicht bei uns sein dürfen, aber er fiel bei der Musterung durch unglaubliche Fähigkeiten auf - hatte das Auge eines Adlers, die Ohren eines Hundes und die Geschmeidigkeit einer Katze; und später stellte sich heraus, dass er schießen konnte wie der Teufel. Ungelogen, er schoss einer Fliege auf hundert Meter den Arsch weg.

Dieser Meuser lag nun im Klinikum immer noch im Koma. Wir anderen hatten inzwischen unsere Wunden geleckt und waren wieder in Ordnung.

Die ganze Geschichte war natürlich Thema Nummer Eins in der Kaserne. Der “Cowboy” entpuppte sich als stadtbekannter Schläger, der früher Jahre in der Fremdenlegion war und wegen zunehmender Brutalität „gegangen“ wurde. Er hatte seine Finger in jeder miesen Sache, die in der Stadt ablief: Glücksspiel, Raub, Prostitution, und seltsamerweise verlief die Anzeige, die die Bundeswehr gegen ihn anstrengte, im Sande. Unsere Quelle, ein Schreibstubenhengst beim Alten, war der Ansicht, dass der “Cowboy” sogar die Polizei schmierte.

Überhaupt fasste der Alte unsere Demütigung in der “Bonanza” beinahe als persönliche Beleidigung auf. Unsere weitere Ausbildung wurde um hundert Prozent verschärft, und er gab uns das Gefühl, sträflich versagt zu haben. Nun gut, er war dieser “Kameradschaft bis aufs Blut”- Typ, ein John Wayne für Arme - aber er hatte was zu sagen, und was er da von sich gab, gefiel uns überhaupt nicht.

Unser Selbstverständnis hatte arge Kratzer bekommen, und ganz egal, was wir taten, wie gut wir auch waren - etwas stimmte nicht mehr.

 *

Die Wochenendbesuche bei Meuser im Klinikum waren jedes Mal deprimierend. Er lag immer noch im Koma, und wenn es auf der Welt ein schlechtes Gewissen gab, dann hatten wir es. Wir waren jedes Mal froh, wenn wir seinen Eltern dort nicht begegneten.

Irgendwann kam es dann auf, dieses Wort: Rache. Rache für Meuser! Das Thema in der Kaserne. Der Alte schien grundsätzlich nichts dagegen zu haben, aber er machte uns klar, dass er unsere Eier zum Frühstück brät und auffrisst, wenn wir Waffen mitnähmen.

Langsam entstand ein Plan. Wir würden unsere Koppel mitnehmen, schwere schwarze Ledergürtel mit einer noch schwereren Schnalle - und wir fingen an, damit zu üben. Leere Bierdosen und Colaflaschen wurden reihenweise mit den Koppeln zertrümmert, und wir wurden in deren Handhabung immer sicherer.

Teile anderer Kompanien erklärten sich bereit, mitzumachen, und insgesamt kamen wir auf sechsunddreißig Leute, die zu allem bereit waren.

Der Plan nahm langsam Formen an und war im Grunde simpel: infiltrieren, verteilen, beim Auftauchen der Bande absperren, Telefone lahmlegen – und zuschlagen, aber richtig!

 *

Man kann nicht sagen, dass wir euphorisch waren, im Gegenteil. Je näher das Wochenende rückte, desto ruhiger, konzentrierter und nachdenklicher wurden wir. Uns wurde langsam klar, dass uns keine übliche Kneipenschlägerei bevorstand, bei der man seinen Kameraden ein paar in die Fresse haut und anschließend ein Bier mit ihnen trinkt. Das hier würde anders werden. Auf uns wartete eine brandgefährliche, kriminelle Bande, und es war schon viel Blut geflossen, Meuser war lebensgefährlich verletzt, und mit Sicherheit würden wieder einige von uns wieder was richtig in die Fresse kriegen - aber es gab kein Zurück mehr, wir alle waren angespannt.

*