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Gewalt

gewalt

Gewidmet: K. Meuser

Ge|walt,  die; -,  -en  [mhd. Gewalt, ahd.
(gi)walt, zu^walten]: 1. Macht, Befugnis, das
Recht u. die Mittel, über jmdn., etw. zu bestim-
men, zu herrschen:.....
.......................Ge|walt|akt,der: durch Gewalt-
anwendung gekennzeichnete Handlung:..........
..............ge|walt|sam: unter Gewaltan-
wendung, durch Gewalteinwirkung    [gesche-
hend]: eine    -e Vertreibung; ein  -er Tod; ein
   -es Ende nehmen  (keines natürlichen Todes
sterben); ..........

*


Es ist schon sehr, sehr lange her. Fünfundzwanzig Jahre, ein Vierteljahrhundert. Irgendwann lag der Musterungsbescheid im Briefkasten, und Ende 1972 war es soweit: die jungen Burschen sammelten sich am Hauptbahnhof, die Koffer mit dem Nötigsten gepackt und die Reisetasche voller Dosenbier. Den auf den Bahnsteigen herumbrüllenden Unteroffizieren und Feldwebeln begegneten wir mit kühler Gelassenheit. Wird schon werden, haben ja genug Zeit bis zu Kaserne. Irgendwo in Süddeutschland eine kleine Stadt, deren Namen ich hier nicht nennen will, mit einem noch kleineren Kaff, an dem die Kaserne lag. Wir waren der AK xx/x zugeteilt, und wir waren gespannt, was uns dort erwartete. Auf jeden Fall unsere Bräute: unsere Gewehre.

Nur die wenigsten von uns wussten, wie sie schließlich angekommen sind. Die meisten waren völlig zugeknallt. Schließlich waren wir echte Kerle, Männer, die zum Dienst an der Waffe zogen - Besoffensein gehörte dazu, Machoismus gehörte dazu, Prügeleien gehörten dazu, absolute Coolness, und später die Waffen: die G3, die P1, ein cooles Kampfmesser, die Milan, Handgranaten, Sprengstoff, Uniform, Helm, Stiefel - Männerwelt, deine Helden kommen! Vielleicht gibt’s ja auch Krieg!? Und hier werden wir echte Männer. Werden? Waren wir sie nicht schon? Hey, Leute, die Welt gehört uns, und wenn sie nicht will, biegen wir sie uns zurecht, notfalls mit Waffengewalt, he he!

Die Grundausbildung ernüchterte die meisten von uns. Wir waren nichts weiter als “Muschis” oder “Rotärsche”. Der letzte Dreck. Da half auch kein Besäufnis in der Kantine am Wochenende mit den üblichen Prügeleien. Ging nur der Sold drauf.

Nach der Grundausbildung stand die Entscheidung an, nur die Wehrpflicht herunterzureißen oder als Zeitsoldat zu unterschreiben: kostenloser Führerschein, spezielle Ausbildung, Beförderung und einiges mehr gab es an Vorteilen. Die meisten von uns hatten eh nichts weiter vor, und es war eine Alternative. Ich selber unterschrieb für vier Jahre.

Mit einigen anderen wurde ich einer Kampfeinheit zugeteilt. Wir sollten im Ernstfall hinter den feindlichen Linien Sabotageakte durchführen. Monatelange, knallharte Ausbildung. Einige gaben auf, die anderen waren, wie ich auch, zu stur. Die meiste Zeit im Gelände, im Dreck, im Schlamm. Stress pur, der noch stärker wurde, wenn die “Roten” unterwegs waren, unsere synthetischen Feinde. Wenn wir mal nach Wochen total verdreckt, ausgelaugt und fix und fertig in die Kaserne zurückkamen, wurden wir allerdings für die Entbehrungen belohnt: bewunderndes Getuschel, neidvolle Blicke und das Gefühl, jemand zu sein - kein Muschi und kein Rotarsch mehr!

Wenn wir nicht gerade im Gelände waren oder Wache schieben mussten, machten wir am Wochenende München oder besagte kleine Stadt unsicher; und an einem solchen Wochenende nahm die ganze Scheiße ihren Anfang ...

*

Die “Bonanza” war eine Kneipe mit einer Diskothek im rückwärtigen Teil, die man über eine Treppe erreichte, die in eine Art riesiges Gewölbe führte. Kaschemme mäßig, in der Nähe vom Bahnhof gelegen. Der Grund, dass wir da überhaupt reingingen: irgendjemand hatte was von Freibier gehört.

Wir waren sieben ausgelaugte Jungs, die nach acht Wochen Gelände Durst hatten, nach Bier, Schnaps und Mädchen.

Jungs? Habe ich “Jungs” gesagt?

Nein, wir waren Männer, die sich ein wenig Vergnügen ehrlich verdient hatten!

Es dauerte nicht lange, und keiner von uns war mehr nüchtern. Bald wurde die Tanzfläche unser Schlachtfeld. Himmel, war das ein Gefühl, mal wieder eine Frau in den Armen zu haben! Traumhaft!

Ich hatte mir eine schwarze Schönheit geangelt, und eng umschlungen schwebten wir über das Parkett; zärtliche Musik, ein sanftes Wiegen im Tanze … der Duft dieser Frau, zärtliche Worte, ihr Körper an meinen geschmiegt - und jemand tippte mir auf die Schulter.

Ärgerlich gab ich die Schönheit etwas frei. Nicht jetzt, Kollege, verdammte Scheiße nochmal!

Etwas ungehalten drehte ich mich um - und bekam eine Faust krachend ins Gesicht. Hey, zum Teufel, was...?

 *

Wir hatten sie nicht bemerkt, diese Bande Kleinstadtrocker, die mit fast dreißig Mann im “Bonanza” auftauchte und sich offensichtlich daran störte, dass wir mit ihren Bräuten tanzten; und es war das erste Mal, dass ich ihren Anführer, den “Cowboy” sah: mindestens einsfünfundneunzig groß, hager, kräftig, mit schwarzem Stetson, blauem Kavalleriehemd, schwarzen Röhrenjeans und Cowboystiefeln; und diese Stiefel traten auf Meuser ein, einen Kameraden, der bewusstlos auf dem Boden lag - trafen ihn immer wieder am Kopf. Der “Cowboy” führte sich wie ein Wahnsinniger auf, trat mit diesen schweren Stiefeln immer wieder zu, die Absätze bohrten sich in Meusers Schädel.

Ich rappelte mich ein wenig auf. Meuser lag knapp zwei Meter von mir entfernt, wurde immer noch von diesem Penner getreten, getreten, getreten ...

Ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern, wie, aber ich rammte diesem „Cowboy“ meine Schultern in die Beine. Er hing kurz waagerecht in der Luft und knallte dann mit seinem Kopf an eine Tischkante, verlor das Bewusstsein.

Holger, unser Größter und Stubenälteste, hatte sich bis zur Treppe vorgearbeitet. Er trug mehrere blutende Wunden im Gesicht, aber er schrie:

“Die Sechste zu mir, die Sechste zu mir! Sammeln, die Sechste sammeln!”

Er war gut zu hören, denn die Musik spielte nicht mehr. Meusers Kopf lag in einer riesigen Blutlache. Ich achtete nicht darauf, ob der Junge noch atmete oder nicht. Irgendwie gelang es mir, ihn auf meine rechte Schulter zu wuchten, und irgendwie kamen wir heraus: geprügelt, geschunden, fertiggemacht -  verloren!

 *

Und irgendwann kamen wir am Busbahnhof an, und ich legte Meuser vorsichtig auf eine Bank. Er blutete wie ein Schwein aus mehreren schweren Kopfwunden. Ich fühlte seine Halsschlagader: Puls war noch da, aber Meuser blieb bewusstlos.

Jetzt erst spürten wir unsere eigenen Wunden, und jetzt erst sahen wir, dass unsere Kleidung blutgetränkt war. Wir mussten einen widerlichen Anblick bieten, und die anderen Leute, die zu dieser späten Stunde noch auf den Bus warteten, hielten sich ängstlich von uns fern.

Mein rechtes Auge war zugeschwollen, die Lippen aufgeplatzt, und ein Schneidezahn war locker. Eine warme, dicke Flüssigkeit sammelte sich in meinem Mund. Ich spuckte aus: Blut. Überall nur Blut!

Wir mussten Gott sei Dank nicht lange auf den Bus warten, und als wir vor der Kaserne ausstiegen, sahen wir, dass Muschis Wache schoben. Irgend so ein pseudointellektuelles Arschloch war der Meinung, es müsse erst genau wissen, was passiert sei, bevor es den Sani ruft. Ich stand vor ihm, Meuser noch auf der Schulter, und mir platzte der Kragen:

“Wenn der Sani nicht in einer Minute hier ist, reiße ich dir deinen gottverdammten Arsch in Stücke, du Penner!”

Knapp zwei Minuten später war der Sanitätswagen da, und wieder zehn Minuten später wurde Meuser mit einem Hubschrauber in ein Spezialklinikum bei München geflogen.

*