
Es ist heiß an diesem 18. Juni des Jahres 1815 in der Provinz Brabant, selbst der Sommerregen bringt keine richtige Erfrischung. Aus der Ferne das bedrohliche Grollen der Artillerie, kaum unterscheidbar, ob es sich um die Geschütze der Briten, der Preußen oder die eigenen handelt.
Napoléon lehnt sich zurück, leichte Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Er schließt die Augen. Stürme von Bildern und Gedanken durchziehen, einem Gewitter gleich, seinen Geist. Immer wieder das Gefühl, hier in Waterloo am Ende eines langen Weges angekommen zu sein. Blücher und Wellington beherrschen das Handwerk der Kriegskunst, und langsam kommen dem kleinen Korsen Zweifel, ob seine altbewährte Taktik und ausgetüftelte Strategie hier erfolgreich sein werden.
Erinnerungen an Ajaccio tauchen auf: geliebte Heimat; Letizia, geliebte Mutter, Geborgenheit; die vertraute Kanzlei seines Vaters mit diesem riesigen Schreibtisch aus Mahagoni, die leichten und unbeschwerten Tage am Strand...
Das Donnergrollen der Geschütze scheint näher zu kommen - ein schlechtes Zeichen, wie die Ausbilder damals in Brienne und Paris immer versichert hatten vor dreißig unendlichen Jahren, als er schließlich zum Artillerieleutnant avancierte.
Ist das wirklich schon so lange her?
Wirklich?
Fragmente von Erinnerungen an die Zeit tauchen auf, als er von Goethes "Faust" so fasziniert war: das literarische Ereignis vor gut sechs Jahren. Zusammen diskutiert darüber mit Joséphine, dem einstmals so geliebten Weibe; die Annullierung der Ehe, die Heirat ein Jahr später mit der etwas unbedarften Marie-Louise, der Tochter des österreichischen Kaisers - Politik eben; und auch in der Ehe grundsätzlich den Gesetzen der Vernunft, der Logik und der Konsequenz gehorchend, allein zum Wohle der Nation - und natürlich des eigenen Ruhmes.
Hatten ihn die Massen damals nicht bejubelt nach den grandiosen Feldzügen vor fast zwanzig Jahren?
Er ist nicht nur der Sieger, nein, er ist der Friedensbringer gewesen, er ist immer der Sieger. Kennt es nicht anders.
Österreich und Russland bei Austerlitz hinweggefegt, die Preußen bei Jena und Auerstädt - als Ergebnis von Vernunft, Logik und Konsequenz, seit der Schlacht von Toulon die Maximen seines Lebens!
Italien, Ägypten, Friedland, Moskau, Leipzig - ; französische Revolution, Unternehmertum und Besitzende Bauernschaft auf seiner Seite; die Krönung zum Kaiser vor elf Jahren: Ergebnisse eines gnadenlos funktionierenden Mechanismus rationeller Art: Kriege, Erneuerung, neue Kriege, Politik, Monarchie und Macht - seine Welt! Die Umwälzung in Europa, die seinen Namen trägt, den er mit der Waffe in die toten Körper des besiegten Feindes brennt; der seinen Nimbus unsterblich machen wird!
Diese Hitze, dieser Schweiß, diese Erinnerungen, dieses Donnern der Geschütze, das immer näher kommt. Dieses plötzlich aufkommende Gefühl der Endgültigkeit, des Unausweichlichen, dieses stumme Rasseln der Säbel seiner Adjutanten, die vor seinem Zelt laut die Lage debattieren ...
Zwei der Offiziere betreten sein Zelt, gekleidet in unpassende, weiße Kluft, sich einer unpassenden, weißen Sprache bedienend:
"Na, Heinz, es gibt Essen, keinen Hunger? He, komm schon, sei vernünftig – mein Gott, Bernd, der Typ kommt nie hier raus ..."
Der zweite Offizier in Weiß lacht:
"Scheiße, Mann, ausgerechnet Napoleon sucht der sich aus - hat doch jede andere Klapse auch! - Nun komm schon, Heinz, St. Helena wartet mit Essen - nun komm schon ..."
Napoléon erzittert leicht und grinst vor sich hin ... c'est la vie, Heinz ...