[ welcome@dreamworker's ]

Poltergeist Teil 1

Poltergeist
Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit.

*

Der Anruf war höchst ungewöhnlich. Nicht, dass ich nie angerufen werde, und wenn das geschieht, sind auch schon mal ungewöhnliche Anrufe dabei, wenn auch meistens von meiner Bank. Aber dieser Anruf kam, Gott sei Dank, nicht von diesen Räubern, sondern von einem guten Freund, und dieser Freund ruft mich normalerweise nicht kurz nach Mitternacht an; und er fragt schon gar nicht, ob er noch vorbeikommen kann - um diese Zeit.
 Da die Meinen zu dieser Stunde unverständlicherweise schliefen, während ich die Ruhe und Stille nutzte, um weiter am Buch zu arbeiten, hatte ich nichts weiter dagegen, dass besagter Freund - Abdullah sein Name, kurz Abdul genannt - noch mal vorbeischaute.
Eine knappe halbe Stunde später war er da, und ich erwartete ihn bereits an der Haustür, sollte sein Klingeln doch niemanden aus dem Schlaf reißen. Es dauerte nicht lange, und wir beide saßen im Wohnzimmer und tranken Tee. Abdul sah überhaupt nicht gut aus, wirkte übernächtigt und machte den Eindruck, als hätte er ein ganzes Jahr Ramadan gefeiert. Ach ja, Abdul ist seines Zeichens Türke, ein junger, drahtiger Mann Mitte Dreißig, der schon seit fünfzehn Jahren hier als Dreher arbeitet. Er spricht unsere Sprache hervorragend - mit ein Grund, warum es zwischen uns nie Verständigungsprobleme gab.

 “Du siehst überhaupt nicht gut aus, Junge. Willst du mir nicht sagen, was los ist?”
Abdul sah mich müde an und schüttelte leicht den Kopf.
“Ich weiß nicht, es ist so unglaublich ...”
“Was denn?”
“... und gerade, weil du über diese Sachen schreibst ... ich dachte zuerst, es ist Einbildung oder ein schlechter Scherz ...”
“Aha, nun weiß ich ja schon sehr viel!”
Abdul nippte am Tee, dann schaute er mich beinahe beschwörend an.
“Du wirst verstehen, wenn ich sage, was passiert ist.”
“Ach nein ...”
“Hör auf damit, es ist kein Spaß. Darf ich dich mal etwas fragen?”
“Klar doch!”
“Glaubst du an Geister?”
“Bitte?”
“Na, ob du an Geister glaubst?”

Ich wurde hellhörig und griff zur Zigarettenschachtel, die auf dem Tisch lag. Nachdem ich mir eine angezündet hatte, warf ich Abdul die Schachtel rüber.

“Nein danke, du rauchst zu viel, weißt du das?”
“Ja, jetzt, wo du es mir sagst.”

Abdul überhörte meinen leisen Spott.


“Also was ist, glaubst du an Geister?”

Die rhetorische Frage, die die Antwort bereits kennt.


“Nein, das weißt du doch.”

“Glaubst du an Dämonen oder so?”
“Noch weniger!”

Abdul lehnte sich einen Augenblick zurück und schloss die Augen. Er schien für den Moment beruhigt zu sein, und ich war für den Moment ziemlich neugierig.

“Sag’ mal, Abdul, willst du mir nicht endlich erzählen, was passiert ist? Du kommst doch nicht ohne Grund mitten in der Nacht hierher.”
“Es wäre besser, wenn du mitkommst.”

Er öffnete wieder die Augen und sah mich beinahe herausfordernd an. Ich war doch ziemlich überrascht:

“Hör’ mal, es ist mitten in der Nacht!”

Abdul stand auf und ging zum Thermometer, das neben der Tür hing. Es war Hochsommer, Ende Juli, und ich wusste, dass die Temperaturanzeige immer noch auf siebenundzwanzig Grad stand; es war wirklich höllisch heiß gewesen diesen Tag. Abdul starrte auf das Thermometer, schüttelte den Kopf und sagte:

“Schön warm hast du es hier. Ich wohne zwanzig Minuten Autofahrt von dir entfernt, erlebe dieselbe Hitze, und habe seit drei Stunden eine Raumtemperatur von siebzehn Grad bei uns in der Wohnung.”

Ich ahnte etwas.
Abdul drehte sich zu mir um.

“Die Temperatur ist bei uns in zehn Minuten um zehn Grad gesunken, aber nur in der Wohnung, und seitdem ist der Teufel los.Kannst du dir das erklären?”

Ich konnte.

“Na gut, junger Mann, worauf warten wir noch?”

 *

Während der Fahrt herrschte Schweigen. Abdul hing seinen Gedanken nach, und ich den meinen. Ich war natürlich gespannt, was mich bei ihm zu Hause erwartete, obwohl mir inzwischen klar war, dass seine Familie möglicherweise Opfer eines Poltergeistphänomens geworden war.

Wie ich so schnell darauf kam? Nun, Abdul ist nie besonders leichtgläubig gewesen, und Gespenstergeschichten stand er immer schon mehr als skeptisch gegenüber; umso mehr hatten mich sein Anruf und sein Auftauchen verwundert.
Als jemand, der sich seit Jahrzehnten mit den Grenzwissenschaften beschäftigt, glaube ich ebenso wenig an Geister, allerdings ist mir das Poltergeistphänomen wohlbekannt. Ich hatte bis dato selber nie eins erlebt, aber vielleicht hatte ich ja jetzt Glück?

Dieses Phänomen hat nichts mit Geistern oder Dämonen zu tun, sondern fußt für gewöhnlich auf der Tatsache, dass pubertierende Jugendliche psychische Spannungen im Unterbewusstsein verarbeiten. Diese Spannungen können in normalen Konflikten dieses Alters ihren Ursprung haben wie auch in der neu entdeckten Sexualität, und gelegentlich kommen sie als unkontrollierte psychokinetische Kraft zum Ausbruch, die wirklich den Eindruck erwecken kann, es seien tausend Dämonen losgelassen worden. Insgesamt ist dieses Phänomen inzwischen jedoch gut dokumentiert und den Parapsychologen wohlbekannt - wenn auch die Details noch genauer zu erforschen sind.

 Abdul wohnte mit seiner Familie in einem typischen Wohnblock in einem typischen Mehrfamilienhaus, und es dauerte nicht lange, und wir standen vor seiner Wohnungstür. Er schloss sie leise auf, und ich spürte sofort den kalten Hauch, der uns entgegenwehte.
Ich folgte Abdul durch die Diele ins Wohnzimmer und war überrascht, dort seine Familie am großen Tisch versammelt zu sehen: seine Frau, die vierzehnjährige Aynur und den zehnjährigen Kazim. Allesamt waren noch in Alltagskleidung und sahen ziemlich mitgenommen aus, saßen dichtgedrängt auf der Couch und wirkten ziemlich verängstigt. Ich begrüßte sie mit einem aufmunternden “Hallo”. Sie grüßten zurück und lächelten mich an, allerdings nicht wie sonst, wenn ich mal eingeladen war; die Angst war deutlich spürbar.

Ich nahm auf einem großen Sessel Platz und schaute mich um.

“Wir haben alles so gelassen” sagte Abdul, und schon beim Eintreten ins Wohnzimmer hatte ich gesehen, was er nun meinte: Es herrschte ein heilloses Chaos. Bücher, Video- und Musikkassetten wie auch Dokumente und aller möglicher Kleinkram, der seinen Platz normalerweise in den Regalen hatte, lagen auf dem Boden verstreut.

“So sieht es in der ganzen Wohnung aus” sagte Abdul und machte eine allumfassende Handbewegung.
“Die Sachen sprangen einfach aus den Schränken und Regalen.”

Ich nickte.

“Und was war noch?” fragte ich.
“Wie, reicht das nicht?” fragte Abdul nun etwas aufgebracht, und auch seine Frau Nurcan und die Kinder sahen mich ziemlich erstaunt an.

“Für mich schon,” sagte ich, “weil ich dich und deine Familie kenne. Aber für einen Parapsychologen, den ich dir übrigens wärmstens ans Herz legen will, reicht das noch lange nicht aus. Er wird dir höchstens sagen, es sieht hier aus wie in einer Junggesellenbude.”
“Ich will aber keine Parapsychologen hier, ich möchte, dass du uns hilfst.”

Himmel, das hatte mir noch gefehlt! Ich war nur ein einfacher Autor, der sich zufällig mit diesen Sachen beschäftigte! Für solche Phänomene war die Parapsychologische Fakultät der Universität Freiburg zuständig. Die und ihre Ermittler haben genug Erfahrung auf diesem Gebiet, und das sagte ich Abdul auch:
“Abdul, ich kann hier nichts tun, solche Sachen erledigen sich meist von selbst, wenn ein paar Dinge geklärt werden können. Ansonsten ist die Uni Freiburg für so was zuständig, die haben Spezialisten, die sich echt auskennen.”
“Können die mir auch helfen, dass das hier aufhört?”
“Weiß ich nicht, wie gesagt, diese Dinge laufen sich normalerweise irgendwann von alleine tot, wenn ihre Ursache beseitigt wird."
“Ursache?”

Da hatte er mich nun, denn ich hatte inzwischen meine eigene Theorie entwickelt, nach der Aynur Zentrum dieses Phänomens war. Eine kitzlige Angelegenheit, denn sie hatte, von Freundin zu Freundin, meiner Tochter Sonja anvertraut, dass sie sich vernachlässigt fühlt, weil Kazim vorgezogen wird; dass ihre Mutter heimlich ihr Tagebuch gelesen habe und langsam eine Metamorphose zu ihrer besten Feindin durchmachte; dass die Eltern einen Freund nicht duldeten und dass aber das sexuelle Interesse am anderen Geschlecht gerade erwacht war und dem jungen Mädchen schlaflose Nächte bereitete - mal ganz abgesehen davon, dass sie mit der moslemischen Tradition Probleme hatte. Zwar war ihr Vater in dieser Hinsicht durchaus fortschrittlich, aber es blieben für ein junges Mädchen, das Tag für Tag den Versuchungen der modernen westlichen Welt ausgeliefert war, genug Konventionen, an denen sie wirklich schwer zu tragen hatte.

Nicht, dass meine Tochter nichts anderes zu tun hätte, als mir solche Vertraulichkeiten zu erzählen; sie tat es dennoch, als Aynur einmal ernsthaft davon sprach, sich das Leben nehmen zu wollen. Ich hatte danach ein Gespräch mit Abdul von Mann zu Mann, allerdings war ich damals die Sache von einer ganz anderen Seite angegangen, um seine Tochter nicht noch weiter mit reinzureißen - aber offenbar hatte dieses Vier-Augen-Gespräch wenig oder gar nicht gefruchtet.

 “Alles hat seine Ursache, wir werden uns später noch einmal darüber unterhalten. Also, was ist noch passiert?”
Aynur meldete sich zaghaft zu Wort:
“Als ich auf Toilette war, hat mich irgendetwas angefasst, überall, und wollte mich nicht mehr loslassen. Ich konnte nichts sehen, war alleine, aber da war irgendetwas ...”
Kazim unterbrach aufgeregt:
“Ja, und im Kinderzimmer haben die Betten getanzt und geschaukelt!”
“... und in der Küche ist das ganze Geschirr aus den Hängeschränken auf den Boden gehüpft, die Türen sprangen von ganz alleine auf,” meldete sich auch Nurcan,
“es ist aber nichts kaputtgegangen.”

Na, das war ja wirklich schon ganz gut für den Anfang, musste selbst ich zugeben.

“Immerhin!” lautete mein Kommentar, und ich zündete gedankenverloren eine Zigarette an, nicht ohne vorher gefragt zu haben, ob es jemanden stört. Das Leben als Raucher wird eben immer schwerer.

“Was willst du tun?” fragte Abdul.
“Was ICH tun will? Ich kann dir nur raten, dich an Freiburg zu wenden!”
“Aber du hast selber gesagt, die können es nicht stoppen.”
“Richtig, aber das sind die Spezialisten, und außerdem ... ach Scheiße, was soll ich denn tun, deiner Meinung nach?”

Abdul zuckte die Schultern.

“Keine Ahnung, aber zum Beispiel hier bleiben oder uns erklären, was da eigentlich passiert.”
“Und dann?”
“Weiß nicht, aber bisher konntest du immer was tun.”
“Das war auch nicht so was!”
“Ist doch egal...”

Na großartig! Das war natürlich auch eine Einstellung!

*
 
Das Leben eines freischaffenden Autor besteht aus Urlaub, in dem er arbeitet, und nicht umgekehrt. Und wenn ein solcher Autor irgendwann realisiert, dass dieser Urlaub eben meistens nicht in sonnigen Gefilden stattfindet, und wenn es ihm gelingt, die finanzielle Seite nicht überzubewerten - nun, dann lässt dieser Job durchaus ein paar Freiheiten zu.

Abdul hatte auch Urlaub und somit die Möglichkeit, Zuhause zu bleiben - und mich mitten in der Nacht wieder zu mir nach Hause zu fahren, nachdem er mich mit seiner Familie überreden konnte, ein paar Tage bei ihm zu bleiben.
Er kam noch kurz mit rauf, und wir rauchten eine Zigarette zusammen.

“Was willst du jetzt tun?”

Ich überlegte einen Augenblick.

“Werde mich erst einmal was aufs Ohr legen, irgendwann meine Familie informieren und ein paar Sachen zusammenpacken.”
“Hör mal, du kannst dann in unserem Bett schlafen und ...”

Also, ich bin noch nie unverschämt gewesen, und so unverschämt schon gar nicht! Ich schnitt ihm das Wort ab:

“Wenn ich nicht im Wohnzimmer auf der Couch schlafen kann, blasen wir die ganze Sache am besten ab!”

 
Ich hatte tatsächlich noch etwas Schlaf gefunden, hatte die Meinen informiert, dass ich mich ein paar Tage bei Abdul niederlasse und hatte es geschafft, diesbezüglichen Fragen auszuweichen wie Politiker der Wahrheit. Zahnbürste, ein paar Sachen zum Wechseln und Schreibzeug wurden ebenso wenig vergessen wie ein batteriebetriebenes elektronisches Thermometer mit Digitalanzeige.

Dann war ich noch ein paar gut dokumentierte, klassische Fälle von Poltergeistphänomenen durchgegangen; zum Beispiel die Geschichte des zwölfjährigen rumänischen Bauernmädchens Eleonore, die in den 1920er Jahren für Aufsehen gesorgt hat. Schier unglaubliche Dinge trugen sich zu: Steine, die aus dem Nichts kamen, prasselten auf das Haus von Eleonores Oma, das Mädchen selber bekam, woher auch immer, Striemen ins Gesicht und Bisse in die Hände, die sich vor Zeugen plötzlich auf ihrer Haut manifestierten. Kleine Gegenstände schwebten in Eleonores Anwesenheit durch die Luft, Fäkalien materialisierten sich gänzlich unerwartet mitten im Zimmer, und einem Beobachter krachte sogar ein Küchenbrett ins Gesicht.

Der tragische Weg des Mädchens führte, nachdem es vom Elternhaus verstoßen wurde, durch ein Kloster und durch eine Irrenanstalt, bevor Parapsychologen auf den Fall aufmerksam wurden.

Was der Auslöser war? Vermutlich die Tatsache, dass das Mädchen einmal unterwegs etwas Geld fand und sich dafür Leckereien kaufte. Die Oma sah im Geld die Versuchung des Satans und warf der Kleinen ernsthaft vor, sich auf diesen eingelassen zu haben und nun für alle Zeit verdammt zu sein...

Für ein junges, gläubiges Mädchen der Schock fürs Leben, und die Dinge, die dann passierten, schienen der Oma noch recht zu geben - ein Teufelskreis, der erst dann ein Ende fand, als Parapsychologen Eleonore von ihrer Unschuld überzeugen konnten und sie ihre erste Periode bekam: Die Phänomene hörten schlagartig auf.

Auch in den Fällen der Familien Plach und Schrey waren pubertierende Mädchen in Stresssituationen das Zentrum von Poltergeistaktivitäten, die erstaunliche Kräfte freisetzten, während es sich im Falle der Anwaltskanzlei Adam in Rosenheim in den 1960ern um eine junge Frau handelte, die erhebliche Probleme privater Natur hatte. Allerdings gelang es ihr, ein ganzes Stromnetz lahmzulegen.

Na gut, diese Vorfälle sind eigentlich schon Klassiker, und mein Problem war nun ein ganz anderes: Zu gerne hätte ich die Uni Freiburg hinzugezogen - aber erstens hatte ich Abdul mein Wort geben müssen, es nicht zu tun, und zweitens: Gab es wirklich handfeste Beweise für solche Aktivitäten? Nicht, dass ich Abdul und seiner Familie nicht traute, aber ich musste versuchen, die ganze Sache mit den nüchternen Augen eines Forschers zu betrachten, wollte ich weiterkommen.

Es waren bislang nicht mehr als Überlegungen meinerseits, die zu meiner Poltergeisttheorie führten, aber die Dinge sprachen insgesamt dafür. Auch hier gab es ein pubertierendes junges Mädchen in einer Stresssituation, und die Beschreibungen der Familie deckten sich mit den Berichten der klassischen Fälle. Zu denken gab mir auch das rapide Absinken der Temperatur, das oft bei psycho- oder telekinetischen Vorgängen registriert wird, und die Physik weiß, dass das Absinken der Temperatur nur um ein Grad schon erhebliche kinetische Kräfte freisetzt.

Aber es gab noch andere Probleme: Traf meine Theorie zu, musste ich sie beweisen; und wenn ich das schaffen sollte, tauchte schon das nächste auf: Ich würde etwas tun müssen, was mir zutiefst widerstrebte - mich nämlich in die privaten Belange einer anderen Familie einmischen.

Aber so weit war es noch lange nicht. Wenn es überhaupt dazu kam! Im Augenblick war es nur sinnvoll, die Dinge auf mich zukommen zu lassen.

*

Wir saßen bei Abdul im Wohnzimmer, tranken türkischen Tee, aßen selbstgemachte türkische Pizza, rauchten türkischen Tabak und hörten die Toten Hosen. Nurcan, Abdulas Frau, war in der Küche beschäftigt, und die Kinder in ihrem Zimmer mit der Play-Station. Es war zu heiß und zu schwül, um rauszugehen.

Das zigarettenschachtelgroße Thermometer, das ich mitgebracht und auf einem Regal in der Nähe der Wohnzimmertür platziert hatte, zeigte 29.7 Grad Celsius, obwohl die Balkontür offenstand. Ich hatte mir vorgenommen, öfters einen Blick drauf zu werfen.

“Hast du schon eine Idee?” fragte Abdul. Ich nickte:
“Habe ich.”
“Und welche?”
“Ist noch zu früh, darüber zu sprechen.”
“Warum das denn?” Abdul schaute mich enttäuscht an.
“Wirst du sehen, wenn es soweit ist, junger Mann. Ich bin selber noch nicht sicher.”

Abdul blickte einmal mehr auf seine Armbanduhr.

“Erwartest du jemanden?” fragte ich etwas überrascht.

“Äh, also...meine Frau hatte da eine ... äh ... Idee...”

Abdul druckste sichtlich verlegen herum.

“Eine Idee?”

“Ja, also ... weißt du, bei uns gibt es Leute, die sich auch mit so was auskennen ...”

Mir schwante etwas...

“Ach, womit kennen sie sich denn aus?”
“Ja, mit solchen Sachen eben ...”
“So so, dann sind das also Solche-Sachen-Eben-Spezialisten?”
“Also, ich dachte nur, weil Nurcan meinte ... sie hat große Angst, weißt du, und ...”
“... und deswegen hast du plötzlich angefangen, an Gespenster zu glauben?”
“Na ja, nicht direkt, es ist das erste Mal, dass ich so was erlebe, und ...”
“... deswegen ist jetzt ein Solche-Sachen-Eben-Spezialist auf dem Weg hierher?”
“Äh, sozusagen ...”
“Abdul, willst du mir zu verstehen geben, dass ein Hodscha unterwegs hierher ist?”
“Äh, ja ...”
“Und wann wollte er hier sein?”

Abdul blickte wieder auf seine Armbanduhr.

“Nun, äh, in einer halben Stunde ...??”

Ich ließ mich langsam im Sessel zurück sinken und schloss die Augen. Das hatte mir gerade noch gefehlt!
 
*

Ein Hodscha ist zunächst einmal ein islamischer Schriftgelehrter in der Türkei, sozusagen ein geistiger Lehrer, ein Vorbeter.

Für die Türken außerhalb ihres Heimatlandes ist ein Hodscha auch Anlaufstelle für Probleme aller Art und damit Seelsorger einer islamischen Gemeinde.

Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass einige dieser Männer über außergewöhnliche Gaben verfügen. Der fromme Moslem glaubt unbesehen, dass diese Leute heilen und in die Zukunft sehen können und Fähigkeiten haben, die an Magie grenzen.

Der kritische Mensch spricht hier von Taschenspielertricks, Suggestion, Illusionisten, Hypnose und bestenfalls Telepathie. Er nimmt an, dass sich bei einigen Hodschas im Laufe der Zeit durchaus Fähigkeiten entwickelt haben könnten, die normalerweise in der Parapsychologie zu Hause sind.

Dem ist ja auch nichts entgegenzuhalten, wenn nicht einige dieser Männer ihre Fähigkeiten dazu missbrauchen würden, ihren Mythos weiter auszubauen und dem Gläubigen bewusst den Eindruck zu vermittelten, sie stünden mit obskuren Mächten des Himmels und der Hölle in Verbindung - und obwohl die Mehrheit dieser Hodschas gewiss durch und durch ehrenwerte Leute sind, treu und ehrlich ihrem Glauben ergeben: Schwarze Schafe gibt es auch hier.


Ich machte mir Sorgen. Was, wenn der erwartete Hodscha nun ein solches Schwarzes Schaf war? Es war anzunehmen, dass diese Leute gelegentlich zu solchen Phänomenen wie hier gerufen wurden, und sie mussten mit der Zeit ihre eigenen Erfahrungswerte haben - und wer sagte denn, dass sie nicht gar wussten, was wirklich passierte?

Was, wenn sie nun diese psychisch labilen Jugendlichen für ihre Zwecke manipulierten, was immer auch diese Zwecke sein mochten? Das Schlimme dabei ist, dass ein normaler Sterblicher ein solches Vorgehen niemals erkennen könnte, denn diese Dinge spielen sich auf einer ganz anderen Ebene ab.

Ich seufzte tief, öffnete wieder die Augen und schüttelte leicht den Kopf.

“Willst du noch einen Tee?” Abdul war das Schuldbewusstsein in Person.

“Nein, danke, aber du kannst was anderes für mich tun.”
“Ja?”
“Ich möchte, dass die Wohnzimmertür geschlossen bleibt, solange der Hodscha da ist.”
“Warum das denn?”

Eine gute Frage! Ich wusste es selber nicht genau - es war eine Eingebung.

“Sage ich dir später.”
“Warum willst du mir immer alles erst später sagen?”

Auch eine gute Frage, aber hier wusste ich die Antwort: weil ich sonst mit meiner Theorie rausrücken müsste, und damit wäre Aynur im Spiel und hätte verdammt schlechte Karten; wie Eleonore damals, zwar nicht ganz so schlimm, aber immerhin solange, bis ich meine Theorie beweisen konnte - und es stand in den Sternen, ob mir das überhaupt gelang! Unter Umständen würde das Mädchen für alle Zeit mit einem Makel behaftet bleiben, der keiner war und für den sie nicht verantwortlich zeichnete.

“Glaube mir, es ist besser so ...”


Abdul wurde noch nervöser.

Er rief Aynur herein und gab ihr auf Türkisch offenbar einige Anweisungen. Das Mädchen fragte daraufhin etwas, und Abdul wurde richtig laut, schrie das Kind beinahe an. Aynur wurde rot, blickte zu Boden, drehte sich um und verließ fast fluchtartig das Zimmer.

“War das notwendig?”, fragte ich Abdul etwas schärfer als beabsichtigt.
“Ich weiß, aber sie ist in letzter Zeit ziemlich patzig manchmal.”

Er setzte sich wieder, griff nach den Zigaretten.

“Ich weiß auch nicht, sie hat sich in letzter Zeit verändert.”
“Hast du schon mal was von Pubertät gehört?”

Abdul starrte mich an, als hätte ich ihm gerade gesagt, der Prophet sei eben mit seinem Himmelswagen auf dem Balkon gelandet.

“Pubertät?”
“Jetzt sag’ mir nicht, du hast nie was davon gehört!”

Der Prophet trat scheinbar durch die Balkontür ...

“Bei meiner Aynur?”

Großer Gott, der Mann hatte manchmal ein Gemüt wie ein Abdecker - was sollte ich da noch groß sagen?
Mein Blick fiel instinktiv auf das Thermometer, und ein leichtes Kribbeln erfasste mich: Die Temperatur war auf knapp 25 Grad gefallen!

 *
 
Der Mann, der nun neben Abdul auf der Couch saß, steckte in einem alten Fischgrätenanzug. Sonst sind nur noch sein dunkelblaues Hemd und die schwarzen Socken erwähnenswert, was seine Kleidung anging. Die Schuhe hatte er, wie es in islamischen Familien üblich ist, in der Diele ausgezogen.

Die Statur war eher klein und gedrungen, die Haare und der Schnauzer voll und grau, die Haut dunkles, gegerbtes Leder. Doch das, was diesen Mann leben ließ, waren seine ungewöhnlichen Augen!

Das rechte Auge strahlte in einem hellen Grau, und das linke funkelte in tiefem Schwarz. Insgesamt konnte man seinen Blick als stechend und durchdringend bezeichnen, und es kostete eine Menge Kraft, ihm standzuhalten.

Dieser Hodscha namens Besinci hatte mir, als er eintrat, nur einen kurzen Blick zugeworfen, der mich jedoch auszuziehen schien, hatte mich nur mit einem kurzen Nicken bedacht und mich gar nicht weiter beachtet. Er unterhielt sich leise mit Abdul auf Türkisch, und ich schielte auf das Thermometer, das gottlob in meinem Blickfeld lag: knappe 22 Grad!


Dieser Besinci gefiel mir überhaupt nicht, und das lag nicht nur an seinem Blick. Er strahlte eine besondere Art von Kälte aus, die mir neu war, und mich beschlich ein absolut ungutes Gefühl. Es war zwar nur reiner Instinkt, aber ... ich konnte es einfach nicht erklären, so sehr ich auch darüber nachdachte.

Meine Überlegungen wurden durch ein Klopfen an die Wohnzimmertür unterbrochen. Abdul rief etwas, die Tür öffnete sich, und Aynur brachte ein Tablett mit frischem Tee und Kaffee herein, stellte es auf den Tisch, ohne einen von uns anzublicken, verließ eilig wieder den Raum und schloss die Türe hinter sich - wenigstens das klappte!

Ich hatte den Blick bemerkt, mit dem der Hodscha Aynur beobachtet hatte, und ich meinte, kurz ein Aufleuchten in seinen Augen gesehen zu haben. Insgesamt erinnerte mich dieser Besinci an eine Spinne, die gerade merkt, dass ein neues Opfer in ihrem Netz zappelte - oder bildete ich mir das Alles nur ein? Spielte mir mein Unterbewusstsein einen Streich?

Ich nippte an meinem Tee und beobachtete interessiert das leise Gespräch der beiden so ungleichen Männer, und ich fluchte innerlich, dass ich nichts verstand. Jetzt jedoch deutete Abdul auf mich, und der Hodscha drehte sich nun ganz zu mir und blickte mich voll an. Seine Augen fixierten die meinen - und dann hatte ich dieses Gefühl zum ersten Mal: als ob etwas über meine Augen in meinen Kopf eindringt und sich in meinem Gehirn breit macht!

Ein Telepath!

Das musste ein Telepath sein, anders ging es gar nicht! Ich kannte Telepathie bislang nur aus Büchern, habe sie nie selbsterlebt, und trotzdem war ich absolut sicher, dass dieser Mann da drüben versuchte, meine Gedanken zu lesen!

Man weiß heute, dass es in der Telepathie offensichtlich keine Sprachunterschiede gibt - ein erstaunliches Phänomen, an das ich mich jetzt erinnerte. Na warte, Hodscha, das kannst du haben.

Ich konzentrierte mich und dachte: Nicht mit mir, alter Mann, hörst du, nicht mit mir!

Es mag sich jetzt blöde anhören, aber ich wusste einfach, dass er meine Botschaft bekommen hatte. Ein Hauch von leisem Staunen glitt einen Sekundenbruchteil über sein Gesicht, dann wandte er sich wieder Abdul zu - gut pariert, Hodscha!

Ich schielte nochmals zum Thermometer: etwas über 20 Grad - es war angenehm kühl, und ich nahm an, dass bald etwas passieren würde, wenn ich nicht absolut falsch lag mit meiner Theorie; und ganz plötzlich, wie aus heiterem Himmel, tauchte zaghaft die Kontur eines Planes vor meinem geistigen Auge auf...

 *

Nurcan hatte längst wieder Ordnung geschaffen, und so erwartete ich, dass gleich noch einmal die Sachen aus den Schränken und Regalen springen und Abdul und Besinci aus ihrem leisen Gespräch reißen würden.

Aber es fing unverhofft an, bestialisch zu stinken!

Abdul und der Hodscha unterbrachen ihr Gespräch und fingen an zu schnuppern, und auch ich nahm Witterung auf, und uns allen entging das leise Knirschen und Ächzen nicht, das vom Wohnzimmerschrank kam.

Der Gestank schien vom Wohnzimmertisch zu kommen, und wir schauten drunter, und was wir da erblickten, trieb zumindest mir die Blässe ins Gesicht: Da lag ein riesiger, dampfender Kothaufen direkt vor Besincis Füßen!

Nicht nur ich war fassungslos! Die beiden Männer sprangen auf, Abdul schrie etwas, und sofort tauchten Nurcan und Aynur in der Wohnungstür auf. Besinci war auf den Balkon geflüchtet, Abdul zog den Tisch beiseite, und bald darauf tauchte Aynur mit Schaufel und Besen wieder auf, während Nurcan einen Eimer Wasser, einen Aufnehmer und den Schrubber vorbereitete.

Ich starrte immer noch fassungslos auf den Kothaufen: als hätte ein Hund dahin gemacht, der so groß war wie ein Pferd!

Abdul zog mich am Arm.

“Komm auf den Balkon, bis die Frauen das weggemacht haben, das hält ja niemand aus!”

Ich nickte, und bevor ich auf den Balkon trat, bemerkte ich aus den Augenwinkeln, dass der Wohnzimmerschrank anfing, zu vibrieren ...


Abdul war leichenblass, und auch der Hodscha sah nicht besser aus, redete aufgeregt auf ihn ein.

Es ging also los: mein erstes paranormales Erlebnis! Ich versuchte, einen klaren Kopf zu behalten und rief mir den Plan ins Gedächtnis zurück, der langsam Formen annahm. Der konnte klappen, wenn ich sofort reagierte, und so durchforstete ich meine Hosentaschen nach einem Fünfmarkstück, wurde fündig, und dann entschuldigte ich mich kurz bei den beiden Männern mit dem Hinweis, mal für kleine Jungs zu müssen.

Im Wohnzimmer war Nurcan damit beschäftigt, den Teppich zu schrubben und wurde gerade von einem kleinen Kerzenhalter in den Rücken getroffen, der vom Schrank geschossen kam wie eine Rakete. Die Frau schrie gequält auf, ging hinter dem Tisch in Deckung, und ich schaute fasziniert zum Schrank, der zitterte und schwankte wie bei einem Erdbeben. Ich riss meinen Blick los, es gab zu tun.

Ich fand die Kinder in ihrem Zimmer. Sie waren leichenblass und zitterten, hatten sich in die hinterste Ecke verkrochen. Mir blieb nicht viel Zeit.

“Aynur, kannst du mir einen Gefallen tun?”
“Ja, sicher ...”

Ich drückte ihr die fünf Mark in die Hand, gab ihr einige Anweisungen, und dann wandte ich mich an Kazim, der ängstlich auf seinem Bett kauerte.

“Willst du mir auch helfen?”
“Ja...”
“Dann bleibe hier ganz ruhig sitzen, egal, was passiert. Du brauchst keine Angst zu haben.”
“Ist gut.”

Bevor ich zurückging, hielt Aynur mich am Arm fest.

“Meinst du wirklich, das hilft?”

Was sollte ich da antworten?

“Werden wir sehen, Kleines, schätze, das hängt jetzt von dir ab.”

Und damit ließ ich sie stehen, fest entschlossen, die größte Show meines Lebens abzuziehen ...

*