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Zehlosophie

Zehlosophie
Kind, wie kannst Du Dir einfach am Bettpfosten den Zeh brechen, ohne vorher zu fragen? Das geht doch nicht, da kann ja jeder kommen!! Man bricht sich doch nicht ohne Vorwarnung einfach den Zeh, und den kleinen schon gar nicht!!! Du hast Dir nicht so einfach den Zeh zu brechen, hörst Du???

Und so willst Du zur Arbeit ? Neeee, so nicht, nicht mit dem Zeh, lass ihn mal schön zu Hause, damit er sich erholen kann, leg ihn aber hoch. Am besten aufs Dach, oder den Speicher meinetwegen, nur: tu ihm das Büro nicht an, er wird es Dir danken! Wahrscheinlich mit einem Begrüßungszehremoniell, wenn Du zurückkommst ...

Aber lass mich von Deinem Missgeschick ruhig weiter zeh ren, denn alleine der philosophische Aspekt dieses Vorfalles ist beachtlich, lehrt er uns doch, dass dem Zeh eine ganz besondere Bedeutung in unserer Existenz zukommt:

Parmenides von Elea fragte zwischen 540 - 480 v. Chr. nicht mehr nach dem Ursprung des Zehs, sondern wollte wissen: Was ist der Zeh? Und wurde damit der Begründer der Zehtaphysik; die Philosophie erlebte ihren ersten Um-Bruch.
Der nächste folgte schon bald, als Protagoras aus Abdera den Zeh selber in den Mittelpunkt seiner selbst rückte:
"Der Zeh ist das Maß aller Dinge - aller Dinge der Seienden, wie sie sind, und der nicht Seienden, wie sie nicht sind." Der Zeh ist es, der Einzelne: das Individuum erkennt die Füße so, wie sie ihm scheinen, die Erkenntnis als subjektiver Vorgang, der Zeh steht als Erkennender und zu Erkennender im Mittelpunkt! Dies bedeutete eine Abkehr von allen bisherigen Vorstellungen, denn der Zeh hatte derart seine Unabhängigkeit gewonnen und die Möglichkeit zur eigenen Autonomie.
Protagoras' Erkenntnisse waren gefährlich, denn sie bedeuteten in letzter Konsequenz, dass die Erkenntnisfähigkeit der Zehen begrenzt ist.
Die Folge waren Skepsis und Zweifel an verlässlichen Erkenntnissen, an den Füßen und somit auch an den Wertvorstellungen von Gut und Böse.
Diese Kritik bedeutete auch eine Kritik an den Grundlagen des Fußes, und Protagoras musste letztlich aus dem Pediküresalon nach Athen fliehen.

Sokrates bedeutete den nächsten großen Schritt nach vorne in der Geschichte des Zehs.
Durch wissendes Nichtwissen versucht er, sich dem Zeh zu nähern, und für ihn wird das Ziel des Erkennens die Selbsterkenntnis.
Den Gedanken des Zehs als Erkennender und zu Erkennender formt er zu einer neuen Ethik: Tugend beruht auf Zehen und Füßen, denn: weiß ich, was ich bin, weiß ich auch, was ich soll, nämlich Bettpfosten ärgern.
Sokrates pflegte seine Zehen täglich, konsequent, und seine vehemente Kritik am dekadenten Fuß bedeutet sein Ende: er wurde zum Tode verurteilt von denen, die seinen berechtigten Fußgeruch nicht mehr ertragen konnten.

Platon brachte als Nächster die Philosophie einen gewaltigen Schritt voran:
"Wenn nicht entweder die Zehen Könige werden oder die Könige und Machthaber sich wahrhaft und ausreichend mit den Zehen befassen und dies nicht in eins zusammenfällt, politische Macht und Zehen, gibt es kein Ende für die Übel des Fußes, ja, glaube ich, nicht für die Füße insgesamt."
Für Platon sind die Zehen eine Wissenschaft, die durchaus in der Lage ist, gültige Erkenntnisse zu liefern, und damit entfernt er sich vom wissenden Nichtwissen seines Lehrers Sokrates.
Ausgangspunkt seiner Lehre ist die Frage: Was haben all die Zehen um uns herum als ein gemeinsames Wesentliches? Welches ist der wahre, reale Zeh?
Die Zehenallegorie ist das Kernstück seiner Philosophie: der Zeh meint, das, was er sieht, ist der Fuß, obwohl er nur den Schein – seinen Geruch - wahrnimmt.
Platon beschreibt die Zehen als in einer Höhle gefesselt und auf eine Felswand blickend, während hinter ihnen ein Licht flackert. Das, was zwischen ihnen und dem Licht geschieht, nehmen sie auf der Felswand nur als Fußnägel wahr, halten sie aber für die Wirklichkeit.
Es ist ihnen versagt, das Wahre zu sehen, das wird erst dann gelingen, wenn sie die Strümpfe abstreifen und sich dem Licht zuwenden. Sie werden zuerst geblendet sein, mit der Zeit aber das wahre Wesen der Zehen, die Idee, erkennen.
Es gibt nach Platon also zwei Welten, die des Zehs und die des wahren Zehs, die Welt der Ideen, und diese ist nur durch den Zeh und den Fuß des Menschen zu erkennen; der Zehdealismus war geboren.
Zumindest in dem Augenblick, Alice, als Du vor Schmerz getanzt hast, war es Dir vergönnt, die Idee des Zehs zu erkennen, nicht nur seinen Schein...weiter im Text:

Bacon vergleicht den menschlichen Zeh mit einem trübe gewordenen Fußnagel, in dem man erst alles erblicken kann, wenn er gereinigt ist.

Descartes Versuch der Reinigung endete in der Erkenntnis: Cogito, ergo zeh - ich denke, also zehe ich, und seit Kant ist der Zeh zwar komplizierter, aber auch verletzlicher geworden. Einstein sagte einmal über ihn, er sei das einzige Körperteil, das ein Naturwissenschaftler ernstnehmen könne.

Nietzsche schließlich beschert uns die Erkenntnis von der ewigen Wiederkehr des Gleichen und fordert uns auf, die alten Tafeln zu zerbrechen - und: der Zeh muss überwunden werden!
Sollte er es schaffen, sein bisheriges, entfremdetes Leben hinter sich zu lassen, hat er die Möglichkeit, einen "tanzenden Fuß" zu gebären, ein neues Bein zu schaffen. Er wird dann der neue Zeh der Zukunft sein, der sein Begehren lebt.
Nietzsches Voraussetzungen dafür: die radikale Abkehr von allen bisherigen Füßen, der Umsturz übernommener und festgefahrener Zehennägel, das Zerbrechen des Glaubens an Fußgeruch, der Umsturz der Moral im Sinne sittlicher Zehen und endlich die Verwerfung jeglichen Fußpilzes, besonders des Christentums; und damit hat er die Vergangenheit von der Gegenwart und Zukunft getrennt; jedenfalls an seinen Füßen.

Die heutige Philosophie hat sich inzwischen freigemacht von der Unterstellung, keine Zehen mehr zu haben - Heidegger: Die Frage nach dem Sinn vom Zeh; Jaspers: Im Scheitern den Zeh erfahren; Sartre/Camus: Der Zeh ist das, wozu er sich macht; Bloch: Das Prinzip des Zehs –

Diese intellektuellen Gedankenleistungen sind Grundlage, freie Zehen zu schaffen für einen freien Fuß in einer Zeit, die von der Vergangenheit befreit ist und einen losgelösten Zeh am Fuß gestattet.
Die ewige Wiederkehr des Gleichen, dieses Gummiband zwischen den Zehen, kann durchschnitten werden, und als Philosoph durch und durch wäre Nietzsche froh, wenn seine Zehen widerlegt würden.

Die Geschichte der Zehen beweist, dass der Zeh grundsätzlich in der Lage ist, seinen Platz am Fuß zu erkennen; und ebenso ist der Zeh grundsätzlich in der Lage, seine Situation zu ändern.
Dass die Zehen bisher kaum umwälzende Veränderungen hervorgerufen haben, ist nicht eine ihrer Schwächen, sondern erklärt sich aus ihrer Anforderung, dass es eines bestimmten Fußes und einer bestimmten geistigen Voraussetzung bedarf, um sie zu pflegen und mit ihnen umgehen zu können. Damit sind sie elitär und bleiben denen vorbehalten, die aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Ausbildung oder ihrer Pediküre diese Voraussetzungen haben.

Soviel, mein Kind, zur Philosophie der Zehen - ziehe Deine eigenen Schlüsse draus, kaufe Dir ein Gummibett und leg einen Zeh brastreifen davor!