
Er weiß nicht, was er mehr verabscheut: die morgendliche Massenabfertigung auf der Latrine oder seine Arbeit.
Aber wahrscheinlich mehr den Latrinenbereich - einhundert Löcher im alten, harten schimmeligen Holz: eine Doppelreihe zu je fünfzig Löchern, ohne Zwischenwand, ohne Intimität, nebeneinander, Rücken an Rücken; Gestank; die mit Holzlatten prügelnden Aufseher; die Anstrengung des Drückens, um schnell fertig zu werden, damit nicht geprügelt wird, sonst: weggescheucht in der größten Not, viele mit ausgetretenem Mastdarm oder sich immer noch entleerend auf den Weg geprügelt zum Ende der Schlange, um sich wieder anzustellen …
Nein, sein Arbeitsplatz stellt höhere Ansprüche. Ja, sie müssen behandelt werden, all die Juden, Zigeuner, Polen, Politischen, all dieses Nicht-Arier-Pack, die Zerstörer des Deutschtums, die Minderwertigen, die Verbrecher, die Schwulen - der Feind des Volkes! Der Abschaum!
Soll dieses Pack doch ruhig denken, dass es duschen geht!
Es ist immer das gleiche Bild, wenn nach der Entlüftung die Türen geöffnet werden: nackte, vom Gas aufgeblähte Körper, tote Körper, in den seltsamsten Verrenkungen; ineinander gekrallt im Todeskampf, immer aufeinander getürmt, weil die Stärksten noch auf die Toten geklettert sind in ihrem verzweifelten wie sinnlosen Bemühen, dem aufsteigenden Gas nach Oben zu entkommen.
Es ist immer der gleiche, widerliche Gestank, der von diesem Kadaverhaufen ausgeht - das Gas treibt die Körperflüssigkeiten nach außen, jedes Mal sind die Toten verschmiert von Blut, Kot, Urin, Erbrochenem, Menstruationsblut und Mutterkuchen. Deshalb zuerst die Spritzkommandos, die diesem toten Haufen mit Wasserschläuchen zu Leibe rücken, bis die dunkelbraune Brühe endlich klar wird und schließlich irgendwo im unschuldigen Boden versickert.
Dann kommt die Zeit für ihn und die Schlinge: rasch ums Handgelenk gelegt, und dann auf dem Schleifboden zum Fahrstuhl ziehen, Schlinge lösen und die Leichen stapeln, bis kein Körper mehr hineinpasst.
Er weiß, was oben geschieht: den Kadavern werden die Haare geschoren. Sie brauchen die Haare, haben schon tonnenweise davon, ganze Silos voll. Das Haar des Feindes für die Kissen und Matratzen der kämpfenden Truppe.
Irgendwo da oben werden auch die Goldzähne aus den Kiefern herausgebrochen, heraus gemeißelt - das Gold des Feindes für neue Waffen; die Gewähr, dass die Sonderbehandlung weitergehen kann.
Dann wartet der Ofen. Asche zu Asche. Asche auf das Haupt des Siegers. Die Öfen arbeiten durch, ärgerlich nur die ständigen Defekte durch die Dauerbeanspruchung.
Zehntausende haben bislang an seiner Schlinge gehangen, auch die Alten, Frauen, Kinder, Zehntausende bestimmt. Oder mehr? Nein, zählen lohnt sich nicht.
Es kommen immer mehr, ohne Ende - und darüber wird er älter, das Schleifen, das Stapeln fällt immer schwerer. Jedes Mal eine Erholung für seinen ausgemergelten Körper, wenn er Kinderleichen schleifen und stapeln kann, die sind nicht schwer, wie ein Kissen vielleicht. Wenn doch nur mehr von denen kämen … - Ihr Kinderlein kommet, ihr Kinderlein brennet … der Feind hat kein Geschlecht und kein Alter!
Er merkt nicht, dass plötzlich nichts mehr kommt. Abgestumpft zieht er trotzdem die Toten an seiner Schlinge über den Boden zum Fahrstuhl, stapelt sie, schlurft zurück und legt die Schlinge um die nächste Hand, das nächste Händchen: Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr, tausend Jahre, eine Ewigkeit und einen Tag.
Er zieht weiter an ihm vorüber, der tote Feind, auch nach der Befreiung; auch nach der Verurteilung; auch in der Geschlossenen Anstalt, immerfort.
… und so hört er nicht, wie die grölende braune Meute schon wieder durch die Straßen prügelt, aus der Kloake der Geschichte auferstanden wie Phönix aus der Asche, aus der Asche des Feindes, den dieser hirnlose Pöbel jetzt wieder durch die Straßen jagt.
Lass deine Schlinge endlich ruhen, alter Mann - deine Ablösung ist schon da!