
Etwas neidisch blicke ich auf die Laterne, die keine drei Meter entfernt neben mir steht, schon seit Ewigkeiten. Die kann leuchten! Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlen. Wie schön war es immer in der Dunkelheit des Winters, wenn die Schneeflocken auf ihren goldenen Strahlen tanzten. Und sie ist klug, die alte Laterne, denkt ständig über etwas nach und spricht leider nicht sehr viel. Liegt vielleicht daran, dass sie stark lispelt, sie kann kein „s“ aussprechen, sagt stattdessen immer ein „f“.
Nein, das kann ich nicht. Richtig gut nachdenken, meine ich. Es ist auch schon irgendwie deprimierend, nur im Sommer einen Zweck zu erfüllen!
Dann allerdings richtig!
Ich kann mich dann kaum vor Leuten retten, die auf mir Platz nehmen und sich entspannen wollen: die Liebespaare, die Kinder, die Alten, die Penner, die gelegentlich nachts in mir ein Bett finden und sich mit alten Zeitungen zudecken, die der Wind dann irgendwann ins große runde bunte schöne Blumenbeet gegenüber weht, das so perfekt in den grünen Rasen eingebettet ist.
Nein, das Blumenbeet redet nicht, strahlt nur stille Schönheit aus, die so verletzlich ist. Ein paar alte Papierblätter reichen schon aus, diese Schönheit zu stören.
Hey, Laterne, warum kann man Schönheit so schnell zerstören?
Weiff ich noch nicht, muff erft darüber nachdenken.
Sagst du mir dann Bescheid?
Klar.
Die Hecken wiederum sind gar nicht so schön. Sie grenzen nur diese kleine Welt ab und bilden sich noch etwas darauf ein. Ständig tuscheln sie und werfen mit verächtlichen Blicken um sich; aber wehe, wenn die Männer mit der Heckenschere kommen, dann nur Schreien und Wehklagen ... pah!
Ganz anders die Bäume, die in einiger Entfernung majestätisch in den Himmel ragen, die sanft tanzen, wenn der Wind aufkommt und sich dann rauschend in einer Sprache unterhalten, die nur sie verstehen; die jeden Herbst ihr altes Kleid ablegen und jeden Frühling in ein neues schlüpfen, und die schon seit Urzeiten dort wachen, an der Pforte zur Ewigkeit.
Und ich bin mit ihnen verwandt! Ich stamme von ihnen ab! Ja, wir sind alle aus demselben Holz!
Hey, Laterne, weißt du eigentlich, dass du künstlich gezeugt wurdest?
Wie bitte?
Oder stammst du auch von den Bäumen ab?
Oh! - Da muff ich aber erft mal drüber nachdenken!
Okay, tu das!
Voll erwischt, he he! Ein kleiner Sieg über die Weisheit. Was bleibt mir auch sonst? Nur die Menschen, die im Sommer auf mir Platz nehmen: putzig die jungen Liebespaare, nervend die Stressgeplagten, die es nie schafften, sich zu entspannen, anstrengend die Kinder, die mich oft als Turngerät missbrauchen, und rührend die Alten, die entweder stumm nebeneinander sitzen oder von den alten Zeiten erzählen oder davon, wie furchtbar abgeschoben und nutzlos sie sich vorkommen.
Hey, Laterne, soll der Weise schweigen oder reden?
Er foll fweigen, wenn gefwiegen werden muff, und reden, wenn ef nötig ift. Aber ich muff noch weiter darüber nachdenken.
Was hältst du von künstlicher Intelligenz?
Wie bitte?
Schon gut ...
Nein, so gemein bin ich nun auch nicht!
Wer bin ich denn schließlich? Okay, meine Abstammung ist ... astrein, im wahrsten Sinne des Wortes, aber sonst?
Neulich waren sie wieder da, die Männer vom Gartenbauamt; hatten den Rasen gemäht und die Hecken geschnitten, und zum Frühstück nahmen sie auf mir Platz, aßen ihre Stullen und unterhielten sich; unterhielten sich tatsächlich darüber, dass man bald die alten Bänke durch neue ersetzen wolle ...
Das war doch wohl irgendwie nicht zu fassen!
Bin doch noch gut in Schuss, abgesehen von den blöden Schnitzereien der Verliebten: Namen in Herzen und so ein Kram, aber sonst?
Nein, ich möchte nicht abgeschraubt und weggebracht werden! Möchte nicht meine Welt verlassen! Es ist doch noch viel zu früh!
Hey, Laterne, was bedeutet: das Ende?
Ef kommt wohl dann, wenn etwaf feinen Finn oder feine Beftimmung verliert - oder, wenn man nicht mehr gebraucht wird. Oder vergeffen. Aber ich muff noch darüber nachdenken.
Eine Retourkutsche!
Na gut, habe ich mir wahrscheinlich verdient!
Aber werde ich nicht mehr gebraucht?
Sie kommen doch, die Leute, jung und alt ...
Alt!
Was ist alt?
Nein, ich werde die Laterne nicht fragen! Ich werde mich an die Gespräche und das Schweigen der Alten erinnern. Auch sie waren mal jung, erzählen ja dauernd davon; und die Jungen werden eines Tages auch alt, Alles wird alt: das Blumenbeet, die Hecken, sogar die Bäume; das Alte macht dem Jungen Platz, und so bekommt Alles irgendwie wieder einen Sinn.
Ist es das?
Hey, Laterne!
Ja?
Ich glaube, ich habe etwas Wichtiges herausgefunden!
Oh! Tatfächlich? Waf denn?
Ich bin noch nicht ganz sicher, muss erst darüber nachdenken ...