[ welcome@dreamworker's ]

Pedro R.

Pedro R.

Pedro R. war sensibel. Hochsensibel. Ansonsten war er noch extrem gewissenhaft. Weitere Hobbys hatte er nicht.

Pedro wirkte ständig in sich gekehrt und gehetzt zugleich. Zwar versuchte er, seinen nativen Aggregatzustand gelegentlich mit Heiterkeit, Ironie oder Lässigkeit zu überspielen – aber seine raren Versuche, sich sozial zu integrieren, scheiterten immer wieder. Zunächst erschien er seiner Umgebung gleichermaßen interessant wie – isoliert, dann jedoch nur noch anstrengend.

Seine sprichwörtliche Gewissenhaftigkeit bestimmte sein Handeln: ob er Windeln kaufte oder an seiner Maschine arbeitete.
Nein, Pedro war kein Preuße. Er war Spanier, ein Mann, der für seine Familie lebte und in ihr aufzugehen schien. So sehr, dass er gelegentlich schon substanzlos wirkte.
Pedro war mit einer Deutschen verheiratet. Sie hatten eine Tochter, der ihre ganze Fürsorge galt – besonders die der Mutter. Als das Mädchen älter wurde, wurde es von der Mutter vollkommen vereinnahmt. Sie sah in dem Kind sich selber so, wie sie gerne sein wollte: jung und bildhübsch; und sie tat alles dafür, ihre Tochter so schön wie möglich aussehen zu lassen.

Vielleicht merkte Pedro irgendwann, dass seine kleine Familie zweigeteilt war: Auf der einen Seite Mutter und Tochter, auf der anderen Seite Pedro, der nichts anderes zu tun hatte, als das Geld nach Hause zu bringen, mit dem seine Frau ihren Traum von Jugend und Schönheit verwirklichte. Wenn auch in Form ihrer Tochter.
 
„Pedro, welche Hobbys haben Sie? Was sind Ihre Interessen?“
Pedro zögert lange, schaut geflissentlich nach unten.
„Ich habe Familie, sie ist alles für mich. Die Zeiten sind schwer. Ich verdiene alleine. Meine Frau muss zu Hause bleiben. Wegen unserer Tochter.“
„Ihr Hobby ist also Ihre Familie?“
Keine Antwort.
„Sonst haben Sie keine Hobbys?“
Schweigen.
Der letzte Rest von Substanz scheint sich bei diesem Mann aufzulösen.

Schien Pedro sich unmittelbar nach der Geburt seiner Tochter zu entkrampfen, so wirkte er mit zunehmender Zeit immer eigenbrötlerischer, empfindlicher. Es gab nur wenige Kollegen, die ihn so, wie er war, akzeptieren konnten; und nur mit einem gelang es ihm, eine Freundschaft aufzubauen.
Innerhalb der weitläufigen Familie hatte Pedro einen schweren Stand. Frau und Tochter schienen ihn nur als Geldquelle zu dulden, die Verwandten kommentierten diesen offensichtlichen Missstand entweder mit Spott oder einem bedauernden Kopfschütteln – was Pedro auf Dauer nicht verborgen blieb. Er zog sich noch mehr zurück, soweit das überhaupt möglich war.
 
Nach Jahren – seine Tochter war inzwischen 16 und wurde nur noch „Prinzessin“ genannt – kam es zur unvermeidlichen Krise: Pedro kündigte und ging für knapp ein Jahr nach Spanien.

 „Wie haben Sie sich in Ihrer Heimat gefühlt?“
„Ich weiß nicht …“
„Und warum sind Sie zurückgekommen?“
„Es ging den beiden nicht so gut.“
„Warum? Was war los?“

Nun, die „Prinzessin“ lief Gefahr, ihren Titel zu verlieren, und ihre Mutter musste arbeiten gehen. Für einen Mann wie Pedro Grund genug, sein Bündel zu schnüren und nach Deutschland zurückzukehren.
 „Hatten Sie sich denn mit Ihrer Frau ausgesprochen?“
Natürlich hatte er. Oder besser: sie hatte.
Es sollte alles ganz anders werden, man wollte neu anfangen – und man fing neu an: Pedro kam wieder in seiner alten Firma unter; die „Prinzessin“ behielt ihren Titel, und ihre Mutter konnte wieder daheim für sie sorgen mit der grenzenlosen Hingabe, das verlorene Jahr aufzuholen.

Entscheidende Dinge passierten: Pedro wurde erneut Vater als Resultat der ersten Wiedersehensfreude. Diesmal war es ein Sohn.
Die Prinzessin heiratete mit 18, zog von zu Hause aus.
Die Mutter konnte leider Gottes nicht mitarbeiten. Kinder verpflichten.
 
Und Pedro wurde noch introvertierter, noch empfindlicher – noch ängstlicher. Sein einziger Freund war in eine andere Stadt gezogen, hatte selber Probleme mit der Familie und unzählige erfolglose Versuche hinter sich, Pedro an seinen Hobbys, an seinem Leben teilhaben zu lassen.
 
„Woran denken Sie besonders gerne zurück?“
„Ich weiß nicht. Da gibt es keine Zeit. Nur Augenblicke.“
„Innerhalb der Familie?“
„Ja, auch …“
„Pedro, wenn es etwas gibt, das Sie aus Ihrem bisherigen Leben gelernt haben: Was ist das?“
Pedro denkt sehr lange nach. Dann bekreuzigt er sich hastig, flüstert:
„Wen der Herr liebt … den nimmt Er schon als Kind zu sich …“
 
Pedro: ein Gefangener seiner selbst; ein Mensch, dem es nie gelungen war, sich ein kleines, dauerhaftes Stückchen Freude zu schaffen – oder positive Inhalte; eine innerlich zerfressene Persönlichkeit, die sich im gewohnten Negativen sicher wähnte, anstatt nach Positivem zu suchen, zu streben – man könnte es ja verlieren, wie die Tochter, die Frau, den Sohn:
sich selbst!