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Vater

Vater
[ aus dem Buch "Die unmögliche Welt des Möglichen oder Die Reise des Flint" ]


Unwillkürlich muss Flint an seinen Vater denken, und ihm wird warm ums Herz; sein Vater: das waren hagere ein Meter achtundneunzig Wärme, Güte und Menschlichkeit. Als Chemiker im Labor eines großen Waschmittelkonzerns war das Schwerste, was er bei der Arbeit zu heben hatte, wahrscheinlich ein gefülltes Reagenzglas gewesen, und vielleicht hatte er deshalb eine durch nichts zu brechende Leidenschaft als Heimwerker entwickelt, der regelrecht auf einen tropfenden Wasserhahn, einen defekten Schalter oder eine kaputte Steckdose wartete. War es irgendwann mal tatsächlich so weit, betrachtete Vater den Schaden ausgiebig von allen Seiten, wobei er trotz - oder gerade wegen - seiner Länge die tollsten Verrenkungen zustande brachte. Anschließend verschwand er im Hobbykeller, der mit allen erdenklichen Werkzeugen und Geräten ausgerüstet war, und packte einen kleinen Werkzeugkoffer mit den Dingen zusammen, die er für die Reparatur brauchte. In dieser Zeit suchte Moni schon vorsorglich die entsprechende Notdienstnummer vom Installateur oder vom Elektriker heraus, weil die Erfahrung gezeigt hatte, dass Vaters Reparatureinsätze meistens in einer mittleren, aber süßen Katastrophe endeten; mit anderen Worten: sobald Vater mit seinem Werkzeugkoffer auf der Bildfläche erschien, herrschte bei Moni und Flint Alarmstufe Rot.

Das lag nicht etwa daran, dass Vater zu schusselig oder zu ungeschickt war - na ja, vielleicht manchmal doch ein ganz klein bisschen ungeschickt, aber er war der Typ von Mensch, dem das Pech regelrecht an den Füßen klebte; und wer konnte es übers Herz bringen, ihm seine Leidenschaft ausreden oder gar verbieten zu wollen? Moni und Flint jedenfalls nicht.

Flint erinnert sich daran, wie Vater einmal einen Nagel in die Wand trieb, ohne ihn krumm zu schlagen oder sich dabei die Finger zu verletzen. Völlig verwundert betrachtete sein alter Herr das Werk und seine heil gebliebenen Finger - war das denn möglich?
Der Nagel wurde allerdings samt Putz aus der Wand gerissen, als Vater ein Bild an ihm aufhängen wollte, das offensichtlich eine Kleinigkeit zu schwer war...

Bei anderer Gelegenheit war Vater der Meinung, dass er seinem Sohn unbedingt die Pracht des Sternenhimmels zeigen und erklären müsse. Es war ein wunderschöner Sommertag gewesen, und in der späten Dämmerung marschierten Vater und Sohn los - der Vater über den Orion, den Kleinen und Großen Wagen, die Plejaden und den Polarstern dozierend, der Sohn andächtig den Ausführungen lauschend. Ihr Ziel war ein nahe gelegener Hügel, der freie Sicht versprach. Als sie oben ankamen, zogen dunkle Wolken auf. Einsetzender Regen, begleitet von einem heftigen Sommergewitter, trieb die beiden Wanderer schnell nach Hause.

Vater gab nicht auf. Zwei Tage später nahm er sich frei, schnappte seinen Sohn, und sie fuhren zum nächsten Planetarium. Als sie nach zwei Stunden Fahrt dort ankamen, mussten sie feststellen, dass es wegen Umbauarbeiten geschlossen war.
Ein anderes Mal war Vater der Meinung, es gehöre sich, dass Vater und Sohn zusammen Angeln gehen. Also standen sie eines Sonntags sehr früh auf und wanderten zum Blauen See hinauf. Unterwegs sammelten sie Würmer, die als Köder dienen sollten, und Vater weihte Flint in die Geheimnisse des Angelsports ein. Der Junge sollte aber erst einmal zuschauen, vielleicht auch mal kurz die Angel halten, um das Gefühl dafür zu bekommen; und beim nächsten Mal würde man weiter sehen.
Als sie Mittags nach Hause kamen, sah Vater etwas zerknirscht aus: von den elf Fischen, die sie Moni auf den Küchentisch legten, hatte Flint elf Stück an den Haken bekommen!

Überhaupt war Vater dem Sport sehr zugetan. Als Flint einmal für das Sportfest den Weitsprung trainierte, stand ihm Vater beratend zur Seite; und als er Flint zeigen wollte, wie man richtig springt, zog er sich dabei einen Kapselriss im linken Knöchel zu.

Bei einem morgendlichen Waldlauf mit seinem Sohn verdrehte er sich das rechte Knie derart unglücklich, dass er am Meniskus operiert werden musste; beim Fußballspielen mit Flint und seinen Freunden auf dem nahe gelegenen Bolzplatz kugelte er sich als Torwart die Schulter aus, und bei einem Straßenturnier im Tischtennis knallte er so perfekt mit der linken Hand an die Platte, dass er sich den Mittelhandknochen brach.

Irgendwie ging bei ihm alles schief, und "schief" war auch das Wort, welches bei der Beschreibung seiner Person am meisten gebraucht wurde: er ging immer etwas gebeugt, als ob er Angst hatte, bei seiner Größe irgendwo anzustoßen; die linke Schulter hing wesentlich tiefer als die rechte, die Nase war groß und schief, die Lippen auch, die Zähne schief gewachsen, und sogar Augen und Augenbrauen standen schräg; die gewaltigen Ohren hatten unterschiedliche Form und Größe, und selbst die Kopfform schien asymmetrisch, was auch das kurz geschnittene, dennoch dichte, struppige, unbezähmbare und wild durch die Gegend sprießende hellbraune Haar nicht retuschieren konnte.
Aber das alles war für Flint unwesentlich: nie kam ein lautes oder verletzendes Wort über Vaters schiefe Lippen, seine schiefen Augen blickten entweder freundlich, liebevoll, nachdenklich oder traurig, nie aber hart oder böse. Es gab keinen Bettler, an dem er achtlos vorübergehen konnte, kein Tier, das er hilflos draußen liegen ließ, und große Kinderaugen oder gar Tränen brachten sein Herz zum Schmelzen.

Manchmal wurde Vater melancholisch; dann versank er tief in Gedanken, war nicht mehr ansprechbar. Man ließ ihn also in Ruhe, wohl wissend, dass er bald wieder aus seiner Melancholie herausfand.

Vater liebte Regen und Sturm: wenn er frei hatte und es sich ergab, dass zu dieser Zeit ein Unwetter herrschte, ging er stundenlang spazieren - allein. Wenn er schließlich völlig durchnässt, aber glücklich, zurückkehrte, hatte er, wie er sagte, stets das Gefühl, dass die Natur ihn umarmte.

Bei seiner Beerdigung stürmte und regnete es in Strömen. Vater hatte sich bestimmt darüber gefreut. Moni hörte nicht auf zu weinen, und als beim Herablassen des Sarges einem Helfer das Seil aus der Hand glitt und der Sarg polternd in die Grube stürzte, brach sie zusammen. Flint hingegen sah diesen Vorfall wesentlich gelassener: das war eben Vater! Es hätte irgendetwas nicht gestimmt, wenn alles glatt gegangen wäre.

Flint muss lächeln: Vater war mit Sicherheit dort oben der erste Engel, der sich seine Flügel an den Kerzen verbrannte und dem beim Harfespiel eine Saite riss ...

... sein Vater ...